Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in Barbaras Elternhaus hinüberzugehen. Ich kannte die Leute zwar noch nicht näher, aber ich hatte um des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen und glaubte damals, daß ein derartiges Blümlein Wunderhold nur einem gehegten Gärtlein entsprießen könne.
Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war sie merkwürdig still. Ich achtete erst nicht darauf, da ich innerlich stark mit einer Sache beschäftigt war. Aber als das Kind auch während ich das Zimmer in Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette saß, fiel es mir auf, und zugleich kam es mir zum Bewußtsein, daß sie noch kein Wort von ihrem Besuch bei Schäufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. Ich wußte, über kurz oder lang würde das Redebächlein schon wieder plätschern. Das Annele saß ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. Zuletzt setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein und fragte: ‚Wollen wir jetzt beten?‘
Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: ‚Ja … Und weißt du auch, für was ich jetzt dem lieben Gott danken will? Gar nicht für den schönen Tag, denn es war kein schöner. Aber weil du so eine nette Mutter bist, will ich ihm danken. Du hast mich so schön gewaschen und gekämmt und hast den Waschtisch so hübsch aufgeräumt, und deine Schürze ist sauber, und deine Hände sind weich, und – und –‘
Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar nichts Lobenswertes mehr einfallen wollte, wiederholte sie die Worte: ‚Ich will ihm jetzt danken, weil du so eine nette Mutter bist.‘
Am nächsten Tag führte ich meinen längst geplanten Besuch beim Nachbar Schäufele aus, und nun wurde es mir klar, warum Annele in einen Lobpreis meiner Tugenden ausgebrochen war. Das ganze Anwesen bot einen wenig einladenden Anblick. Frau Schäufele entschuldigte sich zwar wortreich über die augenblickliche Unordnung, aber ich habe, so oft ich auch später wiedergekommen bin, nie etwas anderes vorgefunden.
Ein paar größere Kinder machten sich bei meinem Erscheinen eiligst davon, nur die kleine Barbara kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Händchen. Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, wenn sie zu uns ins Pfarrhaus kam, und mein Annele tat dies denn auch Frau Schäufele gleich mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und meinte: ‚Ach, man kann nicht immer putzen und waschen und aufräumen, das ist nichts für unsereins.‘ Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine Barbara in dieser Richtung zu beeinflussen, und es ist mir dies auch gelungen. Man mochte ihr begegnen, wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches, ich möchte fast sagen, vornehmes Aussehen.
Die zwei kleinen Mädchen saßen in der Schule nebeneinander, und sie verbrachten auch den größten Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele, das sich früher so oft ein Brüderlein oder Schwesterlein gewünscht, war jetzt ganz befriedigt. Alle ihre Schätze wurden mit Barbara geteilt. Als ihr mein Bruder ein Album schenkte, ließ sie mir keine Ruhe, bis ich ein gleiches für Barbara kaufte. Am nächsten Tag holten sich die beiden bei der alten Maier ein paar rührende Bildchen: Engelsköpfchen, Vergißmeinnichtkränze und dergleichen. Die wurden in die Album geklebt, und jede schrieb der Freundin einen sinnigen Vers dazu. Was Annele geleistet, weiß ich nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:
Diesen Album hat man dir gekauft,
Anna hat man dich getauft,
Dietrich hat man dich genannt,
Der Himmel ist dein Vaterland.
Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen drängen sich mir auf, wenn ich an die Kinderzeit der beiden denke. Aber ich muß mich eilen, sonst bringe ich meine Geschichte nicht zu Ende.
Du kannst dir ja wohl denken, daß sich Barbara zu Hause nicht besonders wohl fühlte. Ich meine nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen. So zuwider mir beides ist, so muß ich doch zugeben, daß man auch in einem schmutzigen Heim strahlend glücklich sein kann. Wir haben eine Familie im Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder und Ferkelchen und Hühner zusammen entgegen, und die Fenster brauchen keine Vorhänge, denn kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind seelenvergnügt, du darfst mir's glauben. Aus keinem Haus tönt so viel Lachen und Singen. Nur Samstag abend gibt es ein großes Geschrei, weil da die Kinder gewaschen werden, und das sind sie halt nicht gewöhnt.