Aus Schäufeles Haus tönte fast alle Tage Geschrei. Die zwei Alten lebten in stetem Streit und verführten auch die Kinder dazu. Barbara war die Jüngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern ziemlich fremd gegenüber, auch den Vater schien sie eher zu fürchten. Aber die Mutter ward von ihr geliebt mit einer scheuen, sehnsüchtigen Liebe, die mich immer wieder erschütterte. Ich erinnere mich noch so gut an den Ausdruck in Barbaras Gesicht, als Annele und ich am Konfirmationssonntag der beiden zu Schäufeles hinübergingen. Barbara sah in ihrem feierlichen schwarzen Kleid, über das die langen blonden Zöpfe fielen, schon ganz jungfräulich drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das noch immer seine Puppen betreute und Tränen vergossen hatte über ihr langes Kleid.
Frau Schäufeles Stube war dem Festtag zu Ehren gefegt und so dicht mit Sand bestreut, daß jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt entgegen, und ich mußte mich wundern, wie schmuck sie dreinsah in ihrem saubern schwarzen Kleid und der seidenen Schürze.
‚Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schäufele,‘ sagte ich. ‚Nun sind unsere kleinen Mädchen demnächst erwachsen.‘
Während ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras Gesicht. Sie schaute die Mutter an mit großen, bittenden Augen. Da ging es mir durch den Sinn, daß dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, immer gehungert hatte. Und ich mußte wieder nachsinnen über eines der größten Rätsel unserer rätselvollen Welt: Warum ist es, daß Frauen Kinder zur Welt bringen und ihnen doch nicht Mutter sind, während andere, in deren Herz das Licht wahrer Mütterlichkeit brennt, nie ein Kind ihr eigen nennen dürfen? – –
Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich die Wege der beiden, die bisher so einträchtiglich nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele, wie du weißt, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind sich gut in die neuen Verhältnisse schickte, kehrte ich nach einigen Wochen beruhigt in unser Dörflein zurück. Gleich am nächsten Tag kam Barbara zu mir herüber und wollte haarkleinen Bericht von allem Erleben in der Stadt. Ich erzählte ihr von Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin, von den Mädchen, mit denen sie sich angefreundet. Ich saß über meine Näharbeit gebeugt und plauderte des langen und breiten, denn mein Kind fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab mir ein wenig das Gefühl seiner Nähe. Da drang plötzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und als ich erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras tränenüberströmtes Gesicht.
Wir haben dann lange zusammen gesprochen, aber ich konnte das Mädchen nicht wirklich trösten. Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmählich Glauben. Aber die Angst, Anneles Liebe zu verlieren, war nicht die einzige Not, die sie drückte. Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein ganzer Berg unruhiger, unzufriedener Gedanken in dem Kinde angesammelt. Warum durfte sie nicht so viel Schönes und Neues erleben? Warum mußte sie immer mit den zänkischen Eltern zusammen sein? Warum war ein Tag wie der andere mit Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit angefüllt? Nie würde in ihr Leben etwas Schönes und Wunderbares treten. Auf ewig war sie verdammt in diesem abgelegenen Dorf zu sitzen.
Du mußt nicht lächeln über diesen törichten Kinderkummer. Wir Alten, die durch schwere Erfahrungen gegangen, meinen oft, der Jungen Leiden wögen leicht und trösten sie mit dem weisen Zuspruch, ihre Tränen zu sparen. Aber wer kann sagen: diese Sache ist der Tränen und des Kummers wert, jene nicht? Barbara litt mit der ganzen starken Leidensfähigkeit ihrer jungen Seele. Sie hungerte und sah nirgends Sättigung. Sie breitete ihre Flügel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends eine Zuflucht, dahin sie hätte fliehen mögen. Und sie sah eine andere, deren Leben sie bisher geteilt, all das mühelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.
Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. Nicht, indem ich ihren Kummer für nichtig erklärte; aber ich bat sie, zu bedenken, daß tränenvolle Augen nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schönheit, die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr die gleichförmige, seelentötende Arbeit so vieler in den Städten und verglich damit die ihre in ihrer herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr von meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, seinen Wäldern, Wiesen und Feldern. Aber gerade in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts. Das Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil ihm das Elternhaus keine Heimat bot. Aber ich habe andere gesehen, denen es ähnlich ergangen, und die eben aus dieser Not heraus mit um so größerer Liebe die Berge und Bäume der Heimat umfaßten.
Ich mußte mich oft besinnen, woher das Kind seinen seltsamen Durst nach der Ferne hatte. Die Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. Nur einer aus der Familie, ein Großonkel Barbaras, war, vom Goldfieber gepackt, nach Amerika ausgewandert und dort verschollen. Ach, er war vielleicht doch nicht der einzige gewesen, den eine innere Unruhe umgetrieben. Die Kirchenbücher sagen nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom Wesen, von den Gedanken ihrer Träger berichten sie nichts.
Barbara schien ihren Kummer allmählich zu verwinden; aber so oft Annele in die Ferien kam, lebte er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen, daß sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr zu Annele, ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn ich die beiden etwa an einem Sonntagnachmittag bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, und aus den blauen Augen schaute mich wieder das alte Vertrauen an.