Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen – ein Jahr zuvor hatte Barbara ihren Vater verloren – brach die Zeit an, die für viele unseres Landes so verhängnisvoll geworden. Ich rede von dem Auswanderungsfieber, das auch in unserm Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht etwa nur die Leichtfertigen und die Habenichtse, die eben nichts zu verlieren hatten, ließen sich verleiten, nein, auch besonnene Leute, die über eigenen Besitz verfügten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich lockend und mühelosen Reichtum verheißend vor ihnen lag, versuchen zu müssen. Mein Mann war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und Warnen erfolglos blieb.

Eine der ersten, die Feuer fing, war natürlich Barbara. Ein eleganter junger Mann, mit kecken Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war eines Tages erschienen und hatte unseren Mädchen dermaßen vorgeflunkert, daß ihrer gleich acht entschlossen waren, sich seiner Leitung anzuvertrauen und ihr Glück in Neuyork zu versuchen. In ein paar Monaten würden sie dort mehr verdienen als in der Heimat in Jahren, und wer weiß – in dem Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, konnte es ihnen auch glücken, eine Heirat zu machen, die sie plötzlich in die Reihe derer stellen würde, die in Seide gehen und in eigener Kutsche fahren und haben können, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die Mädchen, auch die meisten der Mütter ließen sich durch diese Gedanken betören. Barbaras Mutter redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie ließ sie einfach gewähren.

Als mir Barbara ihren Entschluß mitteilte, erschrak ich bis ins Herz hinein. Nicht das Gefühl der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefühl, mit dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete, beherrschte mich. Nein, eine heiße Angst, ein graues Entsetzen überkam mich bei Barbaras Worten. Wie habe ich das Mädchen angefleht, von ihrem Vorhaben abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen glitten ab an ihrer siegessicheren Zuversicht, an ihrer strahlenden Freude, endlich in die Weite, in die Freiheit zu kommen.

O über das verblendete Kind!… Nicht in die Freiheit, in die allerelendeste Knechtschaft ist sie hineingelaufen. Jener Bursche mit den unlautern Augen war ein Mädchenhändler. Die andern, die mit Barbara zusammen auswanderten, scheinen schon auf dem Schiff Verdacht geschöpft zu haben. Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so ist sie dem Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie vollständige Klarheit in diese jammervolle Geschichte zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst in einem anständigen Haus, denn wir erhielten guten Bericht, und ich fing an aufzuatmen und ließ mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.

Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. Unsere Briefe kamen zurück. Alle Nachforschungen, die mein Mann anstellen ließ, blieben erfolglos. O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor hatte ich so stark empfunden, wie Barbaras Leben mit tausend feinen Fäden an das meine gebunden war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit zwei Seelen. Die eine ging das verlorene Kind suchen, schaudernd vor den Dunkelheiten, die sich ihr ahnend auftaten. Die andere mußte bei dem eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe getreten, und das nun seiner Mutter bedurfte wie nie zuvor.

Ach, selbst über Anneles Hochzeitstag warf Barbaras Geschick seinen dunkeln Schatten. Als ich mein Kind in die Arme schloß, mein reines, bräutliches Kind, da sah ich plötzlich neben ihrem Gesicht ein anderes, vor dem ich entsetzt die Augen schloß. Und dann in der Kirche, die gedrängt voll Menschen war, schaute mich aus der hintersten Frauenbank Barbaras Mutter an … Wie mußte ich mich da schämen! ‚Die gibt ihr Kind schwer her, es drückt ihr schier 's Herz ab!‘ hörte ich eine Frau hinter mir flüstern. Aber ich weinte nicht um mein Kind. Von ihm wußte ich, daß es in eine goldene Helle hineinging. Wo aber war Barbara?

Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, ging ich hierher in meinen stillen Garten. Ich mußte allein sein.

Auf diesem Bänkchen bin ich gesessen. Vom Pfarrhaus herüber drangen frohe, helle Stimmen, die paßten so gar nicht zu den Stimmen meines Herzens.

Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam auf mich zukommen, und nun wußte ich mit einem Male, warum ich hierher hatte kommen müssen … Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein Unfaßliches zu hören.

Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nicht einmal den Kopf heben, denn ich wußte, im nächsten Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.