„Ich auch, Tante Ursula, ich auch?“

„Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein wenig älter bist, wirst du es sehen, und dann sieh zu, daß du es sorglich hütest.“ –

Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte. Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schloß, um Dienerschaft und um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken – genau um das, was er all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, und um das er die Reichen immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Früchte und Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet.

Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und ließ ihn zu sich bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und höhnte: „Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum aushält!“

„Wer redet denn vom Himmel?“ sagte der heilige Petrus. „Guter Freund, du bist nicht im Himmel, du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.“

Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts. Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und unten – überall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die Vorhänge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen, tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhänge.

Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem künstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie er die Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte ruhelos in seinem Schloß umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet er einmal in ein Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines Fenster.

„Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen wie alle die andern,“ seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die kleine Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, denn er sah Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine Türritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und vergaß darüber sein Schloß und sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und Essen und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam gereckter Körper gar zu sehr schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand. Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen war zu groß.

Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig vergrößerte … der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf einen blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem Glanze aber sah der Mann selige Gestalten wandeln. Er hörte Klänge, die waren von so leuchtender Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. Und wie das Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, daß er in den Himmel blicke. –

Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal, als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula lächelte nur und sagte: „Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende, Vroneli. Du mußt gar nicht traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnsüchtig nach dem Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das weiß ich ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein wenig drüber nachdenken und es dir morgen sagen.“