Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte silberne Hochzeit heißen. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar ein goldenschimmerndes Kleid – das mochte den Namen goldene Hochzeit tragen.
Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine Ansicht vor. Sie lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: „Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einfälle. Aber diesmal, nein diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.“
Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. „Tante Ursula, warum sagt man grün und silbern und golden?“
„Warum? Man könnte es sich vielleicht so denken … Am ersten Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frühling dreinsieht, da schenkt der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß es nicht verdorrt und kein Blättlein verloren geht.“
„Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grün bleiben? Weißt du, im Winter –“
„Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht möglich. Aber höre nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glänzender, und am silbernen Hochzeitstag – ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das Paar in den Händen hält.“
„Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?“
„Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, Herzkind, und von den lieben Blicken, die drüber gingen und – ja, auch von den Tränen, die drauf fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.“
„Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?“
„Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist viel schwerer, denn, weißt du, wenn die Menschen älter werden, werden sie oft auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein kann aber nur unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden … Ach, eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.“