Immer näher rückten die Verfolger. Da – mit einem Male blieben sie stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen Gewand, über das silberhelles Haar floß, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun, wo waren sie hingeraten?
Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein Versteck, darein sich die beiden hätten bergen können. Enttäuscht und mißmutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur Höhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.
Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehüllt. Ihr Kelch war geschlossen, als hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch geöffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten bläulichen Blätter …
Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?
Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume hohe grüne Blätter. Die sahen drein wie spitze, drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat zurück.
„Nimmer wird meine Hand dich berühren, Schwert – Lilie du! Hat nicht ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?“ –
Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder, von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die grüne, die silberne und die goldene Hochzeit.
Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das über eine Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem fröhlich durcheinanderwogenden Zug festlicher Menschen.
Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte und reich besetzte Tafel. Die Gäste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden lächelndes Paar.
Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster glitt ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin und ließ sie silbern aufleuchten.