Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben – all dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name „rotes Buch“ rührte von der leuchtend roten Einbanddecke her.
Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom breiten und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig anders gemalt, denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und düster drein. Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege, auf denen die Freude blühe.
Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so wenige Menschen gefunden, während sie sich auf dem breiten Weg drängten. „Weißt du, Herzkind,“ sagte Tante Ursula, „man hätte überhaupt statt des einen schmalen Weges viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen. Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst können wir nicht in uns hineinhorchen, und doch hören wir dort am deutlichsten die Stimme, die uns den rechten Weg zeigt.“ –
Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge zu erzählen, ja, es war darin geradezu unerschöpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder etwas, das sie noch nie zuvor gelesen.
So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich ein totes fand, es mit Tränen in die Erde bettete. Aber näher als die Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in leisestem Flüsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu sein.
Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen. Königskerzen … die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das verratene Königskind aus der Heimat wandern mußte. Rittersporn … der muß die goldenen Ähren schützen und steht darum am Ackerrand. Aber die rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in die Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also geschaffen.
Schwertlilie … sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen Farbe, dem starken Duft zu strömen schien. So weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr selbst oder aus dem roten Buch gehört.
… Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden Bäumen eine Burg. Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bäumlein, über dem der erste Blütenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes. Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen blühten die Gedanken ihres Herzens.
Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jüngsten Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der kleinen Kapelle liebten.
Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Väter Burg als sein trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die Burg ein, überwältigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen, rings von den Feinden umzingelt. „Mein die herrliche Beute!“ rief einer der Verfolger und teilte mit starken Armen die Büsche, um rascher zur Höhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen Heiligen um Beistand, während der Ritter sein breites Schwert aus der Scheide riß, daß es weithin einen blitzenden Schein warf.