Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken waren nur ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu, in deren Mitte mich dieser Abend geführt.

Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem mondlichtgefüllten Zimmer saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf, um all den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und drohend dem roten Buch entstiegen.

Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen glücklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten Blättern entstieg ein modriges Düftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten Leben, ein köstliches, triumphierendes, trotz der Tränen lachendes Leben.

Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, das seltsam gemischt war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal, hundertmal, unzählige Male … Und siehe da! das rote Buch war lebendig geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick gesehen.

Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, daß ich keines vom andern lösen kann. Und als drittes gehört dazu die kleine Stube, in der Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber ich haßte sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all die blankpolierten Tische und Schränke sahen so unendlich hochmütig auf das kleine Mädchen herab. Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen und spielen und träumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem Glasschrank aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge lagen und standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glänzenden Münzen, hölzerne Näpfe und Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, und daneben aus tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein weißes Märchenschloß mit Türmen und Pfeilern, von Palmen überschattet. Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten und schien mir von allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal, als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es in vor Seligkeit zitternden Händen gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen, den ich aber im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte mich nur über die dumm und hämisch glotzenden Möbel, die meine Demütigung mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.

Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich geklopft hatte und, das „Herein“ erwartend, die Klinke ergriff, war mir schon ganz froh zumute.

Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann auf der Treppenstufe ein kleines Mädchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich hineinwünschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz eingehüllt war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat sich eine Türe auf, daß der dämmerige Vorplatz voller Licht wurde, und Tante Ursulas Stimme sagte: „Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon heruntergeholt.“

Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen.

Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr ganzes Zimmer war voller Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder bestaunte, und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern und seelenlos dreinsahen, hatten hier oben ein Gesicht, erzählten eine Geschichte, und ich war fest überzeugt, daß dies einzig und allein von Tante Ursulas Einfluß herrühre. Der „Ofentapper“ drohte als große schwarze Hand hinter dem Ofen hervor, die Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen auf dem Kopf, und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht. Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weiße Schwäne, deren einer sicher das häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten Fenstern. Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe Scheiben. Es war wunderschön, rund um den Tisch zu gehen und sich auszumalen, wer in den Häusern wohnen und was er dort treiben könnte.

Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens seither keine finden können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, nicht an der Übereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Büchern – dies alles habe ich später wiedergefunden. Aber den köstlichen Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfüllte, ihn habe ich mit Tante Ursula verloren.