Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten kein Wort und fühlten nur, wie eines das andere in liebevolle und sorgliche Gedanken hüllte. Und es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.

„Ich habe ihn noch nicht gewonnen,“ dachte die Mutter. „Und es wird mir auch nicht gelingen, wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekämpfe und mich in ihn hinein zu fühlen suche. Und vielleicht gelingt es mir auch dann nicht, denn er ist ein seltsames Menschenkind … Vielleicht auch kommen die beiden nie zusammen … Aber diese Stunde kann er nie vergessen, das las ich in seinen Augen. Nie mehr werden wir uns ganz verlieren.“

Peter aber hat das Gefühl, als müsse er der kleinen Mutter an seiner Seite emporhelfen, sie tragen und stützen. Er weiß, trotz ihrer Versicherung, mit schmerzlicher Gewißheit, daß sie nicht immer zu ihm stehen wird. Er weiß, daß ihre Seele wieder und wieder versinken wird im Alltag, aber er weiß auch, daß sie zu Zeiten ihre Flügel spürt und ausbreitet …

Es kann auch so schön werden …


Das rote Buch.

Ich hatte es längst vergessen gehabt.

Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter Stunde des Weges kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch emporgetaucht und mit ihm eine längst versunkene Welt, die voller Fragen und Wunder, voller Grauen und Süße gewesen.

Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich, daß ich für einen Augenblick meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale, zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das in so wunderschöner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände hielten ein Strickzeug – ich meinte tatsächlich das leise Klappern der Nadeln zu hören. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: „Sie sind wohl müde?“