Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief gestanden, den er am Vorabend der Konfirmation erhalten? „Du willst große Reisen machen, Peter. Nun, eine Reise hast du ja längst angetreten, die große Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. Nie geahnte Täler des Leids und Jammers und Höhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, Peter, du und ich und all die andern. Kennst du den alten Vers?
Unser Leben gleicht der Reise
eines Wandrers in der Nacht;
jeder hat in seinem Gleise
etwas, das ihm Kummer macht.
Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. Nicht wahr, Peter?“
Ruth, Ruth … liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist Freude … holde Freude …
Etwas Großes, Warmes quillt in Peters Herzen auf und daneben etwas Tapferes, beinahe Frohmütiges. Das Wort seiner kleinen Weggefährtin kommt ihm in den Sinn. „Es kann auch so schön werden.“ Schön beim Büchereinbinden, Ruth? Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schönes in uns tragen. Und das hast du ja … Wer weiß, Peter, vielleicht kriegst du noch in anderer Weise mit Büchern zu tun …
Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von Peter entfernt. Aber sie starrt nicht ins Wasser hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen Fluten der Selbstanklage und Reue zu versinken. Was ist sie für eine Mutter gewesen! Ohne Mut, ohne Selbstüberwindung … sie hat die Dinge gleiten lassen. Und nun muß sie hier stehen in Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter ausstrecken, darf nur ihre heißen, verworrenen Gedanken zu ihm schicken … Wird er denn ewig da stehen bleiben?
Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich mächtig und wendete sich und stand seiner Mutter gegenüber. Sie schauten sich an, und jedes suchte in des andern Gesicht zu lesen.
Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz voller Not und Bitte war, und sie sah mit Staunen und Dankbarkeit, daß über dem seinen eine tiefe und ernste Ruhe lag.
Da faßte sie Mut. Sie trat auf ihn zu. „Peter,“ flüsterte sie, und es war ein Schluchzen in ihrer Stimme, „laß uns neu anfangen. Ich will zu dir stehen, wo ich es für recht halte, auch wenn – – auch wenn es mir schwer fällt … Wenn du nur wieder Vertrauen zu mir – zu uns haben könntest, Peter!“
Da tat Peter, was sie beide überraschte. Er bückte sich und küßte die Hand seiner Mutter, die sich ihm bittend entgegengestreckt.