„Peter!“ beginnt sie leise. „Ich will den Bub gewiß nicht rechtfertigen. Er hat sich zu schlimmen Worten hinreißen lassen. Aber, Peter, vielleicht hat er recht. Vielleicht hast du – – ach, ich meine uns beide … vielleicht haben wir uns nie richtig um ihn gekümmert. Ach, und nun rennt er in die Nacht hinaus, so im Jammer. Du weißt ja nicht, wie er sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und heiß … Und wie er weinen konnte! Peter, ich muß ihm nach. Ich kann nicht anders.“

Sie wartete keine Antwort ab. Sie riß die Türe auf und stand schon unten an der Treppe, als sie ihres Mannes Stimme hörte: „Elisabeth! Betty! Ich bitte dich! Dieser Skandal …“

Frau Elisabeth schloß die Türe hinter sich. Skandal! Mochten die Leute denken, was sie wollten! Übrigens, das Gäßchen war menschenleer.

Sie merkte erst jetzt, daß ein zarter Regen niederrieselte. Der Himmel war undurchdringlich finster, und der Wind, der eben aufzuwachen schien, blies kalt. Sie eilte die Stufen des Gäßchens hinab und blickte nach allen Seiten. Ganz in der Ferne ging eine Gestalt, die Peter sein konnte. Ach, wie war er schon so weit!

Frau Elisabeth hastete vorwärts. Sie durfte ihn nicht aus den Augen verlieren. Wenn er bei einer Straßenbiegung verschwand, durchzuckte sie jedesmal eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur langsam näher. Peter schritt mächtig aus.

Nun bog er in die Straße ein, die in gerader Linie auf die Brücke führt. Frau Elisabeth lief. Das Blut pochte ihr in Hals und Schläfen. Sie zitterte am ganzen Körper, aber die Angst riß sie vorwärts. Gottlob, nun war sie um die Ecke! Die Straße war menschenleer, aber dort – auf der Brücke bewegten sich ein paar Gestalten. Die würden doch helfen, wenn – – –

Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht haben, als er stehen blieb. Er legte die Arme auf die steinerne Brüstung und seinen fiebernden Kopf darauf.

Aus der Tiefe weht es kühl herauf. Schwarz und in eiliger Flucht, als trügen sie ein unseliges Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die Bogenlampen der Brücke und ein hellerleuchtetes Gasthaus am Ufer werfen in das schwarze Wasser ihr bißchen silbernes Licht, das zitternd ertrinkt.

So würden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen Wellen … Aber man würde ihnen ihr Geheimnis zu entreißen suchen, und man würde ihn finden. – –

Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er in Nacht und Tod. Hinauf, hinauf zu allen Sternen und Sonnen … Leben will er – – Leben …