„Nein, jetzt rede ich einmal!“ schrie er. „Mein Vater bist du – – ja! Aber was für einer? Wann hast du dich um mich gekümmert, um mich selbst?… Gehorchen, gehorchen … den Mund halten zu allem, was der Vater sagt, ob es richtig ist oder nicht … Keine eigene Meinung haben dürfen. Nur immer zustimmen, immer loben und gutheißen … Ist das ein Vater!“

Peter Niemeyer sprang auf. Er würde seinem Sohn die geballte Faust vor die Brust gestoßen haben, hätte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend entgegengeworfen. „Er ist außer sich, er weiß nicht, was er sagt,“ schluchzte sie. „Geh fort, Peter! Geh auf dein Zimmer!“

„Ja, fort aus meinen Augen!“

Peter Niemeyer löste sich aus der Umklammerung seiner Frau und schritt schwer atmend im Zimmer auf und ab. Er schalt in maßlosen Ausdrücken auf den ungeratenen Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, daß ihm Frau Elisabeth wie gewöhnlich beistimme.

Sie saß in der Sofaecke, beinahe regungslos, und horchte mit allen Sinnen nach oben. Was mochte er tun? Brütete er über finsteren Gedanken oder konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein über seine zertretene kleine Welt … Ob die scheltenden Worte nicht zu ihm drangen?… Also studieren wollte er. Naturwissenschaften … Ach, und dann wohl Reisen machen in fremde Länder, wie jener Sven Hedin, von dem er so oft gesprochen … Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche Gedanken kommen!

„Und diese Sprache seinem Vater gegenüber!“ grollte Peter Niemeyer. „Du sagst wohl, er sei außer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, wenn er mit mir spricht. Zudem, was habe ich denn gesagt oder getan, was ihn so außer sich bringen konnte? Weil ich seinen kindischen Wünschen nicht nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. Das Leben faßt einen hart an.“

O gewiß, das Leben ist hart. Und deshalb sollen wir es auch werden? Wäre es nicht besser, wir versuchten uns die weichen Kinderhände zu bewahren … Eine Kinderhand … Schmal und fein ruht sie in unserer harten Hand … Und ist doch so stark und mächtig, eben weil sie weich und linde ist, vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverständlich in Gottes Vaterhand ruht.

Horch, nun geht die Türe in Peters Zimmer. Man hört seine Schritte auf der Treppe, im Hausflur, dann das Öffnen und Schließen der Haustüre. Wohin will er so spät? Der Zeiger nähert sich der elften Stunde.

Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken an. Dieser hielt einen Augenblick im Gehen inne, als er sagte: „Ach, laß ihn laufen! Die frische Luft kann ihm nur gut tun. Du bist übrigens seltsam besorgt um ihn heute abend, Elisabeth. Was ist nur in dich gefahren?“

Ja, was? Ein grelles Licht, eine jähe Erkenntnis, ein Wachrütteln aller Sinne … Frau Elisabeth findet keines dieser Worte. Sie fühlt sich nur jämmerlich klein und ohnmächtig ihrem Mann gegenüber; sie fürchtet sich, ja, sie zittert davor, ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und muß es doch sagen!