Am 16. Mai Morgens wurde ich in dem Hafenorte Havenfiord ausgeschifft, und betrat nun zum erstenmal die Gestade Island's. – Obwohl ich von der Seekrankheit, und mehr noch von dem immerwährenden Herumwerfen des Schiffes ganz betäubt war, alle Gegenstände um mich her ordentlich tanzen sah, und kaum einen festen sichern Schritt machen konnte, so litt es mich doch nicht in Herrn Knudson's Hause, das er mir bereitwillig zum Absteigquartier angeboten hatte; – ich mußte gleich hinaus, und Alles untersuchen und prüfen. Ganz Havenfiord fand ich nur bestehend aus drei hölzernen Häusern, einigen Magazinen von demselben Material erbaut, und mehreren Kothen (Bauernhäusern).
Die hölzernen Häuser sind von Kaufleuten oder ihren Factoren bewohnt, und bilden nur Erdgeschosse mit vier bis sechs Fenstern Fronte. Ueber zwei bis drei Stufen steigt man zum Eingange, der sich in der Mitte befindet und zum Vorgemache führt, von welchem rechts und links die Thüren in die vordern Zimmer gehen. Rückwärts ist die Küche, und von da gelangt man in die Hofzimmer und in den Hofraum. – Ein solches Häuschen besteht aus 4-6 Zimmern im Erdgeschosse, und einigen Kämmerchen unter dem Dache.
Die Einrichtung ist ganz europäisch, Möbel – häufig sogar von Mahagony-Holz, – Spiegel, gußeiserne Oefen, – – Alles kömmt von Kopenhagen. Schöne Teppiche liegen vor den Canapeen ausgebreitet, niedliche Gardinen beschatten die Fenster, englische Kupferstiche zieren die weiß übertünchten Wände, Porzellan, Silberzeug, geschliffene Gläser u. s. w. stehen auf Kasten oder Ecktischen zur Schau ausgebreitet, Blumentöpfe mit Rosen, Reseden, Nelken etc. verbreiten einen herrlichen Duft, – ja ich fand sogar ein Quer-Fortepiano hier. – Könnte man Jemand plötzlich, ohne daß er die Reise gemacht hätte, in solch ein Häuschen versetzen, er würde gewiß glauben, in einer Stadt des Continents zu sein, und nicht in Island, dieser weit entfernten, nackten und armen Insel. – Und so wie hier in Havenfiord, fand ich die Häuser der wohlhabenderen Classe auch in Reikjavik, und allen andern Orten, die ich besuchte.
Von diesen schmucken Häusern begab ich mich in jene der Bauern, die waren eigenthümlicher, schon mehr isländisch. – Klein und nieder, von Lava-Steinen zusammengefügt, die Zwischenräume mit Erde fest ausgefüllt, und das Ganze mit großen Grasplatten überlegt, würde man sie eher für natürliche Erderhöhungen halten, wenn nicht die hervorragenden hölzernen Kamine, die niedrigen Thüren und die kaum merkbaren Fensterchen auf ihre Bewohnbarkeit schließen ließen. Ein ungefähr vier Fuß hoher, schmaler, finsterer Gang führt einerseits in die Wohnstube, andererseits in einige Behältnisse, die theils zur Aufbewahrung der Lebensvorräthe, theils den Kühen und Schafen im Winter als Ställe dienen. – Am Ende dieses Ganges, der so nieder gebaut ist, um die Kälte mehr abzuhalten, befindet sich gewöhnlich die Feuerstelle. Die Wohnstuben der ärmeren Classe haben weder getäfelte Wände noch Fußböden, und sind gerade groß genug um darin schlafen und allenfalls noch sich umdrehen zu können. Die ganze Einrichtung besteht in Bettstellen mit sehr wenig Bettgewand, in einem Tischchen und einigen Truhen. Betten und Truhen vertreten die Stelle der Bänke und Stühle. Oberhalb der Betten sind Stangen gezogen, auf welchen die Kleider, Schuhe, Strümpfe und dergleichen hängen. Gewöhnlich sieht man da auch noch ein Brettchen aufgemacht, worauf einige Bücher liegen. – Oefen benöthigen sie keine. Ihre eigene Ausdünstung ist ergiebig, der Raum klein, und der Bewohner sind genug.
Um die Feuerstellen sind ebenfalls Stangen gezogen, um die nassen Kleidungsstücke zum Trocknen und die Fische zum Räuchern aufzuhängen. Der Rauch verbreitet sich bis beinahe in die Stube, und zieht nur langsam durch einige Luftlöcher in's Freie hinaus.
Brennholz hat man auf der ganzen Insel keines. – Die Reichen lassen es von Norwegen oder Dänemark kommen, die Armen brennen Torf, zu dem sie oft noch Fischgräten oder sonstige Fette, stinkende Abfälle von Fischen mengen, die dann natürlich den übelriechendsten Rauch erzeugen.
Tritt man in eine solche Kothe, so weiß man wirklich nicht, was schrecklicher ist, im Vorraume der erstickende Rauch oder in der Wohnstube die durch die Ausdünstung und Unreinlichkeit so vieler Menschen verpestete Luft. Ich möchte auch beinahe behaupten, daß der in Island herrschende, schreckliche Ausschlag, Lepra genannt, mehr eine Folge der beispiellosen Unreinlichkeit, als des Climas und der Nahrung ist.
Auf meinen fernern Reisen im Lande fand ich die Kothen der Bauern überall gleich ärmlich, und besonders unrein. Natürlich spreche ich von der Mehrzahl und nicht von den Ausnahmen, denn auch hier gibt es einzelne reiche Bauern, bei denen es, nach dem Stande ihrer Wohlhabenheit oder ihres Ordnungssinnes, besser und wohnlicher aussieht. Man muß aber, nach meiner Ansicht, als Basis, die Lebensweise der großen Zahl und nicht, wie viele Reisende pflegen, die der Einzelnen aufstellen. – Und ach! wie selten traf ich solche Einzelne.
Die Umgebung Havenfiord bildet eines der schönsten, pittoreskesten Lavafelder, das sich anfänglich hügelförmig erhebt, dann wieder in Niederungen verläuft und endlich in einer großen Ebene bis zu den nächsten Bergen fortläuft. Da sieht man Massen, oft schwarz und nackt, in den verschiedenartigsten Formen sich 10 bis 15 Fuß hoch aufthürmen. Sie bilden Wände, Säulentrümmer und kleine Grotten und Vertiefungen, über welche letztere oft wieder große Platten wie natürliche Brücken liegen. Alles, Alles besteht aus plötzlich erstarrten, angehäuften Lavamassen, die auch stellenweise mit Gras und Moos bis hoch an die Spitzen bedeckt sind, und so von ferne gesehen, jenen bereits beschriebenen Gruppen verzwergter Bäume glichen. – Pferde, Schafe und Kühe kletterten da herum und suchten emsig nach jedem grünen Plätzchen. – Auch ich ward des Kletterns nicht müde; ich konnte diese fürchterlich schöne Verwüstung nicht genug anstaunen und bewundern.
Schon nach einigen Stunden hatte ich die auf der See erlittenen Beschwerden so ganz vergessen und fühlte mich so gestärkt, daß ich noch denselben Tag, gegen 5 Uhr Abends meine Weiterreise nach Reikjavik antrat. – Herr K. schien sehr für mich zu fürchten; er warnte mich vor den schlechten Wegen, und besonders vor den gefährlichen Abgründen, an denen ich vorüber müsse, – doch beruhigte ich ihn mit der Versicherung, daß ich des Reitens kundig sei, und wohl schwerlich schlechtere Wege finden könnte, als ich bereits in Syrien die Ehre gehabt hatte, kennen zu lernen. – Ich nahm also Abschied von diesem guten Herrn, der noch 8-14 Tage in Havenfiord zu bleiben gedachte, bestieg ein kleines Pferdchen, und setzte mich, in Begleitung meiner Führerin, in Bewegung.