In dieser lernte ich eine merkwürdige Antiquität Island's kennen, die wohl werth ist, ihrer mit einigen Worten zu erwähnen. Sie zählt über 70 Jahre, sieht aber aus, als hätte sie deren kaum 50, auch umgibt dunkelblondes, reiches, halbgelocktes Haar ihren Kopf. Sie ist als Mann gekleidet, verrichtet die größten und beschwerlichsten Botengänge, rudert ein Boot so kräftig und sicher wie der gewandteste Fischer, und besorgt alles schneller und genauer wie ein Mann, weil sie sich auf ihren Wanderungen in nicht so häufige Vertraulichkeit mit der Brandweinflasche setzt. Sie schritt mir so wacker voran, daß ich mein Pferdchen mit manchem Peitschenhiebe zur größeren Eile stacheln mußte.
Der Weg führte anfänglich zwischen Lavamassen, wo es allerdings etwas schlecht zu reiten war, dann über Flächen und kleine Anhöhen, von welchen letzteren man das ungeheure Thal übersah, in welchem Havenfiord, Bässestadt, Reikjavik und noch andere Orte zerstreut lagen. – In Bässestadt, das auf einer Spitze liegt, die sich in das Meer hinaus erstreckt, und stets sichtbar ist, befindet sich eine Hauptschule, eine gemauerte Kirche und einige Kothen. – Das Städtchen Reikjavik sieht man nicht, da es hinter einem Hügel verborgen liegt. Auch die andern Orte, die meist nur aus 2-3 Kothen bestehen, sieht man erst, wenn man ihnen schon ganz nahe ist. – Mehrere Gebirgsketten, eine die andere überragend, einige Jokuln (Gletscher) die jetzt noch bis tief herab im winterlichen Kleide schimmerten, umgeben dieß unübersehbare Thal, das nur auf einer Seite, gegen das Meer, offen war. Manche der Ebenen und Hügeln erglänzten im saftigen Grün, so, daß ich dachte, schöne Wiesen zu erblicken. Doch bei näherer Besichtigung fand ich nur sumpfige Stellen und Anhäufungen von hundert und hundert kleinen Erhöhungen, die theils Maulwurfshaufen, theils kleinen Grabeshügeln glichen, und mit Gras und Moos überwachsen waren.
Ich übersah einen Umkreis von gewiß mehr als 8-10 Meilen und erblickte keinen Baum, keinen Strauch, kein Stückchen Feld und kein freundlich Dörfchen. – Es war überall todt. – Hie und da lagen einige Kothen; selten schwirrte ein Vögelchen in der Luft, und noch seltener ward mir der trauliche Gruß eines Menschen zu Theil. – Lava-Gerölle, Sumpf- und Torf-Stellen umgaben mich von allen Seiten; nirgends in dem weiten Raume, war auch nur ein Fleckchen zu sehen, das von einem Pfluge hätte können durchfurcht werden.
Nachdem ich eine starke Meile zurückgelegt hatte, gelangte ich auf einen Hügel, von welchem aus ich nun auch Reikjavik, das einzige Städtchen und den Haupthafen der Insel erblickte. Meine Erwartungen wurden aber sehr getäuscht; ich sah nur ein kleines Dörfchen.
Die Entfernung von Havenfiord bis Reikjavik beträgt kaum zwei Meilen; da ich aber meine gute alte Wegweiserin nicht zu sehr ermüden wollte, ritt ich doch über drei Stunden daran. – Der Weg war größtentheils sehr gut, bis auf einige Stellen, wo es über Lava-Gerölle ging. Von den gefürchteten, schwindelerregenden Abgründen sah ich keine, es müßten nur jene Stellen darunter gemeint gewesen sein, wo man manchmal in der Nähe des Meeres auf ganz niederen Abhängen ritt, oder auf den Lavafeldern, wo sich manchmal eine kleine Vertiefung von höchstens 15-16 Fuß aufthat.
Nach acht Uhr Abends war ich so glücklich Reikjavik wohl und gesund zu erreichen. Bereits war hier durch die gütige Fürsorge des Herrn K. in einem seiner Häuser, bei der biedern Bäckerfamilie Bernhöft, ein recht artiges Zimmerchen für mich gerichtet, und wahrlich – bessere Aufnahme hätte ich nirgends finden können.
Die ganze Familie bewies mir während meines langen Aufenthaltes eine Herzlichkeit und Liebe, die man gewiß nur selten findet. – Gar manche Stunde entzog Herr Bernhöft seinem Geschäfte, opferte sie mir und begleitete mich auf kleinen Ausflügen. Emsig suchte er gleich mir nach Blumen, Käfern oder Muscheln, und hatte die herzlichste Freude, wenn er etwas fand, das ich noch nicht hatte. Auch seine treffliche Frau und lieben Kinder standen ihm an Gefälligkeit nicht nach. – Ich kann nichts sagen, als: Gott lohne ihnen tausendfältig ihre Güte und Freundlichkeit!
Ich hatte hier sogar Gelegenheit meine theure Muttersprache zu hören, und zwar von Herrn Bernhöft, einem Holsteiner von Geburt, der, obschon lange, lange Jahre theils in Dänemark, theils in Island ansässig, das liebe Deutsch doch noch nicht ganz vergessen.
Ich war also jetzt in Islands einziger Stadt, in dem Sitze der sogenannten gebildeten Classe, deren Leben und Treiben ich nun auch meinen verehrten Lesern schildern will.
Nichts war mir befremdender als der gewisse edle Anstand, den sich die Damen hier zu geben versuchten, und der, wenn er nicht angeboren ist, oder durch sehr viele Uebung natürlich wird, nur zu leicht in Steifheit übergeht. Wenn man mit ihnen zusammen trifft, neigen sie den Kopf gerade so vornehm und nachlässig, wie wir es kaum gegen den geringsten Fremdling thun würden. – Am Ende eines Besuches geleitet die Hausfrau den Gast nur bis an die Thüre des Empfangzimmers. – Ist der Gemahl gegenwärtig, so setzt er diese Begleitung etwas weiter fort; ist dieß nicht der Fall, so geräth man oft in einige Verlegenheit, indem man nicht recht weiß, durch welche Thüre man zum Ausgange gelangt. – Einen Diener, der den ferneren Wegweiser machen könnte, findet man nirgends, als nur beim Stiftsamtmann (erster Beamter auf der Insel Island). Schon in Hamburg traf ich die erste Spur dieser Steifheit; je weiter ich aber gegen Norden kam, desto mehr nahm sie zu, bis sie in Island die höchste Stufe erreichte.