Der dießjährige Sommer war einer der schönsten, den man seit Jahren erlebt hatte. Der Thermometer wies im Monat Juni um die Mittagsstunde mehrmalen auf 20 Grade Hitze. Die Einwohner fanden diese Hitze so unerträglich, daß sie behaupteten, während des Tages weder arbeiten, noch größere Botengänge verrichten zu können. Das Heumachen fingen sie an solchen Tagen erst des Abends an, wo sie dann die halbe Nacht hindurch arbeiteten.
Sehr bedeutend ist der Wechsel der Witterung. So hatten wir den einen Tag 20 Grad Wärme, den folgenden fiel Regen ein, und der Thermometer sank auf 5 Grade. Am 5. Juni hatten wir noch des Morgens um 8 Uhr sogar einen Grad Kälte. – Merkwürdig ist es, daß die Donnerwetter in Island im Winter erscheinen; – im Sommer soll es keine geben.
Vom 16. oder 18. bis Ende Juni ist es fortwährend Tag. Da scheint die Sonne gerade nur auf kurze Zeit hinter einen Berg zu treten, und bildet zu gleicher Zeit Abend- und Morgenröthe. Auf einer Seite erbleicht der letzte Strahl, um auf der andern Seite mit frischem Feuer wieder hervorzubrechen.
Ich war vom 15. Mai bis 29. Juli in Island, ging nie vor eilf Uhr zu Bette, und hatte nie ein Kerzenlicht nöthig. – Im Mai, eben so auch wieder in der letzten Hälfte des Monats Juli dämmerte es ungefähr 1 bis 2 Stunden, – finster aber wurde es nie. Ja selbst in den letzten Tagen meines hiesigen Aufenthaltes konnte ich bis halb eilf Uhr lesen. Anfangs kam es mir ganz sonderbar vor, bei hellem Tage zu Bette zu gehen. Ich gewöhnte mich jedoch recht gut daran, und bald war, wenn es gegen eilf Uhr ging, kein Sonnenlicht mehr kräftig genug, mich um den Schlaf zu betrügen. – Am meisten ergötzte es mich, Abends, so nach zehn Uhr, nicht bei schwachem Mondesschimmer, nein – bei vollem Sonnenschein spazieren zu gehen.
Viel schwerer als an die Sonne, war es mir mich an die Kost zu gewöhnen. – Die Frau des Bäckers verstand zwar die Küche, nach isländisch und dänischer Art, sehr gut zu führen; aber leider ist eben diese ganz anders, als die unsrige. Nur eines war gut, der Morgen-Kaffee mit Rahm[6] (Schmetten); an dem hätte selbst der feinste Gutschmecker nichts auszusetzen gefunden; ich habe aber auch seit meiner Abreise von Island keinen solchen Kaffee mehr getrunken. – Da hätte ich meine lieben Wienerinen herbei gewünscht. – Der Rahm war so dick, daß ich das erste Mal meinte, man habe mich falsch verstanden, und mir sauren gebracht. Die Butter, welche aus der isländischen Kuh- oder Schafmilch erzeugt wird, sieht eben nicht sehr einladend aus; sie ist weiß wie Schweineschmalz, – der Geschmack ist jedoch gut und süß. Die gemeinen Isländer finden ihn aber zu wenig pikant, und vermengen daher die Butter gewöhnlich mit Thran. Ueberhaupt spielt der Thran in der isländischen Küche eine große Rolle; der isländische Bauer hält ihn für den kostbarsten Artikel und ist im Stande, ganze Stücke davon ohne Brod oder sonstigen Imbiß zu verzehren.
Die Mittagstafel mundete mir durchaus nicht; Sie bot zwei Gerichte, das erste bestand aus abgekochtem Klippfisch, Dorsch oder Flachfisch, – dazu kam Essig, und statt des Oeles zerlassene Butter, – das zweite aus abgekochten Kartoffeln. Leider bin ich keine Freundin von Fischen, und nun waren diese meine tägliche Kost. – Ach! wie seufzte ich nach einer Rindsuppe, nach einem Stückchen Fleisch, nach Gemüse; – vergebens! So lange ich in Island war, mußte ich meiner vaterländischen Kost ganz und gar entsagen.
Und mit den abgekochten Fischen und Kartoffeln ging es mit der Zeit doch noch so ziemlich gut, – wenn nur nicht die Leckergerichte gekommen wären! – Arme Frau Bernhöft, – sie meinte es stets so gut mit mir, – und es ist ja nicht ihre Schuld, daß in Island anders gekocht wird, als bei uns – – aber den Leckergerichten konnte ich durchaus keinen Geschmack abgewinnen. – Sie waren verschieden. Die einen bestanden aus einem Gehacke von Fischen, harten Eiern und Kartoffeln, über welches eine braune, dicke Brühe gegossen wurde, die zu gleicher Zeit gepfeffert, gezuckert und gesäuert war, – oder aus Kartoffeln, in Butter und Zucker geröstet, – oder aus fein gehacktem Kohl, der durch Wasser sehr verdünnt und mit Zucker gewürzt wurde, dazu kam ein Stück geräuchertes Lammfleisch, das einen höchst unangenehmen böcklichen Geruch hatte.
An einem Sonntage bekamen wir manchmal rothe Grütze, welches eigentlich ein skandinavisches Gericht ist, und aus feinerm Sago besteht, der in rothem Wein oder saurem Johannisbeerensaft zu einem Gelée (Gallert) gekocht wird. Dazu wird dann süßer Rahm und Zucker servirt. Auch eine Gattung Topfen (weicher Käs) wurde manchmal mit Rahm und Zucker gegeben.
In den Monaten Juni und Juli änderte sich das Ding ein wenig zu meinem Vortheile. Da bekamen wir häufig trefflichen Lachs, manchmal gebratenes Lammfleisch und mitunter auch Vögel, worunter die Moosschnepfen besonders gut waren. – Des Abends kam Butter, Käse, kalter Fisch, geräuchertes Lammfleisch oder Eier von den Eidergänsen, die etwas minder zart schmeckten als die Hühnereier, – und an diese Kost ward ich mit der Zeit auch so gewöhnt, daß mir weder Suppe noch Rindfleisch abging, und ich mich vollkommen wohl dabei befand.
Mein Getränk bestand aus gutem frischem Wasser; die Männer tranken am Eingange der Mahlzeit ein Gläschen Brandwein, Alle aber während der Mahlzeit Bier, das Herr Bernhöft selbst braute, und sehr gut schmeckte. – An Sonntagen verirrte sich sogar manchmal eine Flasche Bordeaux oder Portwein an unsere Tafel. – Und so wie im Hause des Herrn Bernhöft gelebt wurde, lebt man auch in jenen der Kaufleute und der Beamten.