Zu Hause angekommen fühlte ich die Wirkungen des starken Kaffee's; ich konnte nicht schlafen, und so hatte ich volle Zeit, genaue Bemerkungen über die Tageslänge und die Dämmerung anzustellen. – Bis eilf Uhr Nachts konnte ich in meinem Stübchen gewöhnlichen Druck lesen. – Von eilf bis ein Uhr dämmerte es, doch nie so stark, daß ich im Freien nicht hätte lesen können. Im Zimmer nahm ich auch den kleinsten Gegenstand, ja die Stunde auf meiner Taschenuhr wahr. Um ein Uhr konnte ich schon wieder im Zimmer lesen.
Nach Vidöe.
Die kleine Insel Vidöe, eine Meile von Reikjavik entfernt, wird in den meisten Reisebeschreibungen als Hauptaufenthalt der Eidergänse bezeichnet. – Ich besuchte sie am achten Juni, ward aber in meinen Erwartungen getäuscht. Ich sah zwar viele an den Abhängen der Wiesen, zwischen Felsstücken u. s. w. ruhig auf ihren Nestern sitzen, allein von Tausenden war da wohl keine Rede. Ich mochte im Ganzen vielleicht über einhundert bis einhundertfünfzig Nester gesehen haben.
Das Merkwürdigste ist die Zahmheit der Eidergänse während ihrer Brütezeit. – Ich habe immer die Erzählungen davon für Fabeln gehalten, und würde es jetzt noch thun – hätte ich mich nicht selbst davon überzeugt und meine eigenen Hände auf sie gelegt, – ja ich konnte ganz zu ihnen hintreten, und sie liebkosen, ohne daß sie von ihrem Neste aufflogen. – Manche verließen es zwar, wenn ich sie berühren wollte, aber sie flogen doch nicht auf, sondern spazierten ganz gemächlich einige Schritte vom Neste weg, und blieben da sitzen, bis ich mich wieder entfernte. Diejenigen aber, die schon lebendige Junge hatten, schlugen, wenn ich mich ihnen näherte, mit den Flügeln kräftig um sich, hauten mit dem Schnabel nach mir und ließen sich eher aufheben, als daß sie vom Neste wichen. Sie haben ungefähr die Größe unserer Enten; ihre Eier sind grünlich grau, etwas größer als Hühner-Eier und schmecken sehr gut. Sie legen im Ganzen gegen eilf Eier. Die feinsten Dunen sind jene, mit welchen sie das erstemal ihr Nest ausfüttern, und sehen ganz dunkelgrau aus. Die Isländer nehmen die Dunen sammt den erstgelegten Eiern weg. – Nun beraubt sich der arme Vogel abermal einer Portion Dunen, die aber schon nicht mehr von so zarter Qualität sind, wie die ersten, und legt abermal einige Eier. Auch dießmal wird ihm Alles genommen, und erst wenn er zum drittenmal das Nest mit seinen Dunen ausgefüllt, und einige Eier gelegt hat, wird er in Ruhe gelassen. – Die Dunen der zweiten und besonders der dritten Gattung sind viel lichter als jene der ersten. – Ich war ebenfalls so grausam, aus einigen Nestern etwas Dunen und ein Paar Eier zu nehmen.
Die gefährliche Einsammlung der Dunen und Eier, zwischen Klippen und unzugänglichen Felsen, an denen sich die Leute nur mittelst Stricke und mit Gefahr des Lebens hinab lassen oder herauf ziehen können, sah ich nicht, da es in der Umgebung von Reikjavik keine so halsbrecherischen Stellen gibt.
Lachsfang.
10. Juni.
Einen ebenfalls sehr nahen Ausflug (eine halbe Meile) machte ich in Gesellschaft Herrn Bernhöfts und seiner Tochter nach dem Laxselv (Lachsstrom) um dem Lachsfange beizuwohnen, der vom halben Juni bis halben August alle Wochen einmal statt findet. Er geschieht auf eine sehr einfache Art. Die Fische begeben sich nämlich zur Laichzeit in den Strom, und da wird dann dieser mit einigen leicht aufgeschichteten ungefähr drei Fuß hohen Steinwänden durchzogen, und ihnen dadurch der Rückweg zur See abgeschnitten. Kömmt nun der Tag, an welchem sie eingefangen werden sollen, so wird hinter jeder Steinwand noch ein Netz aufgezogen. – Man errichtet, in jedesmaliger Entfernung von achtzig bis hundert Schritten, drei bis vier solche Wehren, damit wenn die Fische der einen entschlüpfen, sie von den andern aufgefangen werden. Nun läßt man das Wasser so viel als möglich ab; – da schiessen die armen Fische hin und her, sie fühlen immer mehr die Abnahme des Wassers und drängen sich an die Schleussen, an deren Steinen sie sich anschlagen und verwunden. – Hier ist noch die tiefste Stelle des Wassers, die ist aber bald so mit denselben angefüllt, daß die Fischer, die da bereits aufgestellt sind, sie ganz bequem mit den Händen heraus fangen können.
Die Lachse haben eine ungewönliche Lebhaftigkeit und eine eben so ungewöhnliche Stärke und Schnellkraft. Der Fischer muß sie behende an Kopf und Schwanz zugleich erfassen, und sie an das Ufer schleudern, wo sie gleich von andern Leuten aufgefangen und tiefer in's Land hinein geworfen werden. – Geschähe dieß nur im Geringsten langsam oder nachlässig, würden ihnen viele derselben entschlüpfen. Es ist wunderbar, wie sich diese Thiere aus den Händen winden und in die Luft schnellen können. – Die Fischer müssen wollene Fäustlinge[8] anhaben, sonst könnten sie diese glatten Thiere gar nicht fassen: – Bei jedem Fange werden in einigen Stunden zwischen fünfhundert und tausend Stücken, das Stück 5 bis 15 Pfund schwer, erbeutet. – Denselben Tag, als ich zugegen war, wurden achthundert Fische gefangen. – Dieser Lachsfang hier ist von einem Kaufmanne zu Reikjavik gepachtet.
Die Fischer bekommen einen sehr großen Lohn, – die Hälfte des Fanges. Und doch sind sie damit unzufrieden und so wenig dankbar, daß sie selten ihre Arbeit ganz verrichten. So brachten sie z. B. den Antheil des Kaufmanns nur in den Hafen von Reikjavik, und waren viel zu träge die Fische vom Boote in sein Magazin, das höchstens 60-70 Schritte vom Hafen entfernt lag, zu tragen. Sie ließen ihm sagen, er möchte nur andere Leute senden, sie seien bereits zu sehr ermüdet. Natürlich helfen in einem solchen Falle keine Vorstellungen.