3. Juli.
Nahe an Reikum setzten wir über ein Bächlein, das all diese heißen Quellen aufnimmt, und da einen artigen Fall bildet. Wir stiegen hierauf den daran stoßenden Berg hinan, und ritten dann gute zwei Stunden in einer Hochebene fort. Die Hochebene selbst bot, da sie nur mit Lavagerölle und Moos bedeckt war, einen sehr einförmigen Anblick, – dagegen war aber die Aussicht desto abwechselnder und schöner. Thal und Meer lagen ausgebreitet vor den Blicken, und ich sah, was mir auf dem Hekla die Wolken neidisch verborgen hatten, – in weiter Ferne eine schöne Gebirgskette, die Westmanns-Inseln. Zu meinen Füßen lagen einige Häuschen, der Hafenort Eierbach, und unweit davon strömen die Wasser der Elvas in jene des Meeres.
Am Ende dieser Hochebene lag ein Thal, das zwar auch nur wieder mit Lava ausgefüllt war, aber mit jener schwarzen, zackigen, die einen so überaus schönen Anblick gewährt. Mächtige Ströme dieser Lavaart durchzogen es von allen Seiten, so daß es beinahe einem schwarzen See glich, der durch eine Reihe ebenfalls schwarzer Berge von dem Meere abgedämmt war.
Ueber Lava-Trümmer und Schneeflächen mußten wir uns in dieses finstere Thal hinab den Weg bahnen, und dann ging es fort durch Thäler und Schluchten, über Lavafelder und Wiesenflächen, an dunkeln Bergen und Hügeln vorüber, bis zur Hauptstation meiner isländischen Reisen, – bis nach Reikjavik.
Das ganze Land zwischen Reikum und Reikjavik ist größtentheils unbewohnt. (Eine Strecke von 10 Meilen). Nur hie und da sieht man in den Lavafeldern kleine Pyramiden von Lavasteinen aufgeschichtet, die als Wegweiser dienen, und an zwei Stellen sind Häuschen errichtet für jene Reisende, die da im Winter durchmüssen. – Wir trafen aber dennoch sehr viel Leben auf den Straßen, und überholten häufig Caravanen von 15-20 Pferden. – Es war nämlich jetzt Anfangs Juli, die Zeit des Verkehres und Handels in Island. Da ziehen die Landleute 20 und noch mehrere Meilen weit nach Reikjavik, um ihre Erzeugnisse und Produkte theils gegen Geld, theils gegen andere Bedürfnisse umzusetzen. – Die Kaufleute und Faktoren haben dann nicht Hände genug, die Waaren umzutauschen, oder die Rechnungen zu schließen, die der Bauer für das oft schon während des Jahres Genommene berichtigen will.
Um diese Zeit herrscht in und um Reikjavik eine Lebendigkeit sonder gleichen. Ueberall sieht man zahlreiche Gruppen von Menschen und Pferden. Hier werden Waaren auf- oder abgeladen, dort begrüßen sich Freunde, die sich schon ein ganzes Jahr, oder noch länger nicht gesehen haben. Da nehmen Andere von einander Abschied; hier sieht man einzige Zelte[ [4] errichtet, vor welchen sich Kinder herum tummeln, dort sieht man Betrunkene taumeln, oder wohl gar zu Pferde heran sprengen, daß Einem angst und bange wird, und man jeden Augenblick fürchtet sie stürzen zu sehen u. s. w.
Leider währt diese Lebhaftigkeit höchstens 6-8 Tage. Für den Bauer ist die Heuernte vor der Thüre, und der Kaufmann muß eilen seine eingelösten Produkte und Waaren zu ordnen, und seine Schiffe damit zu befrachten, um absegeln zu können, und noch vor den Stürmen des herbstlichen Aequinoctiums seinen Hafen zu erreichen.
| Von Reikjavik bis Thingvalla | 10 | Meilen. |
| Von Thingvalla bis an den Geiser | 8 | " |
| Vom Geiser nach Skalholt | 6 | " |
| Von Skalholt bis Sälsun | 8 | " |
| Von Sälsun bis Struvellir | 2 | " |
| Von Struvellir bis Hjalmholm | 6 | " |
| Von Hjalmholm bis Reikum | 7 | " |
| Von Reikum bis Reikjavik | 10 | " |
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| 57 | Meilen. | |
Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner.
Durch meine Reisen in diesem Lande hatte ich natürlich Gelegenheit, seine Bewohner, und deren Thun und Treiben kennen zu lernen. Ich muß gestehen, daß ich von dem Bauernstande einen höhern Begriff gehabt hatte. Wenn man in der Geschichte ihres Landes liest, daß die ersten Bewohner dieser Insel von aufgeklärten Staaten ausgewandert waren, daß sie Gesittung und Kenntnisse mitgebracht hatten; wenn man in den Schilderungen früherer Reisenden stets von dem einfach gemüthlichen Volke, von seiner wahrhaft patriarchalischen Lebensweise sprechen hört; wenn man endlich weiß, daß fast jeder Bauer Island's lesen und schreiben kann, daß man in der ärmsten Hütte wenigstens die Bibel, und noch andere Bücher religiösen Inhaltes findet; so ist man ja freilich geneigt, dieß Volk für das beste und gebildetste von ganz Europa zu halten. – Die Gesittung desselben dachte ich mir auch hinlänglich verwahrt und gesichert durch den wenigen Verkehr mit Fremden, durch das vereinzelte Leben, und durch die Armuth des Landes. Da gibt keine große Stadt Gelegenheit zu Putz und Unterhaltung, zur Erzeugung geringerer oder größerer Laster. – Nur selten betritt ein Fremdling die Insel, deren große Entfernung, deren rauhes Clima, Unwirthlichkeit und Armuth zu abschreckend sind. – Was allein sie interessant macht, Großartigkeit und Seltsamkeit der Natur, genügt dem großen Haufen nicht.