Ich hielt daher Island, in Bezug seiner Bewohner, für ein wahres Arkadien, und freute mich innig ein solch idyllisches Leben doch zum Theil verwirklicht zu sehen. – Ich fühlte mich so glücklich, als ich dieses Land betrat, – ich hätte alle Menschen an mein Herz drücken können, – – – Aber bald ward ich eines Andern belehrt.
Oft schon zürnte ich dem Mangel an Begeisterung, der bei mir sehr arg sein muß, da ich leider immer Alles viel prosaischer sehe, als andere Reisende. Ich bin auch weit entfernt zu behaupten, daß ich recht sehe, – höchstens habe ich die gute Eigenschaft, das Gesehene so darzustellen, wie ich es sah, und nicht Andern nachzuplaudern.
Die Unhöflichkeit und Herzlosigkeit der sogenannten »gebildeten Klasse« habe ich bereits geschildert. Von dieser verlor ich sehr bald die vorgefaßte gute Meinung. Nun kam die Reihe an die Arbeitsleute in der Nähe Reikjavik's. – Wie das Sprichwort von den Schweizern sagt: »Kein Geld, kein Schweizer«, – so kann man von diesen sagen: »Kein Geld, kein Isländer.« – Hier nur einige Beispiele:
Kaum erfuhren sie, daß ich, eine Fremde, angelangt sei, so kamen sie auch schon häufig und alle Augenblicke zu mir, und brachten mir Gegenstände ganz gewöhnlicher Art, wie man sie in Island überall findet; die sollte ich nun theuer bezahlen. Anfangs kaufte ich Manches aus Mitleid, oder um nur Ruhe zu haben, und warf es gewöhnlich wieder weg; bald aber mußte ich damit aufhören, ich wäre sonst den ganzen Tag von Groß und Klein umlagert gewesen. Die Sucht sich auf leichte Art etwas zu verdienen, nahm ich ihnen dabei noch weniger übel, als die Unverschämtheit, mit der sie die Preise machen und den Fremdling zu prellen suchen. – Für einen Käfer, den man unter jedem Steine finden konnte, begehrten sie 5 kr. C. M., für eine Schnecke, von deren Art Tausende an der Küste lagen, eben so viel, und für ein Vogelei, ganz gewöhnlicher Art 10 bis 20 kr. Zwar ließen sie dann, wenn ich nichts kaufen wollte, oft zwei Drittheile der Forderung nach; sicherlich war dieß aber keine Folge ihrer Redlichkeit. Ein anderes Beispiel des Eigennutzes dieser Leute, erlebte der Bäcker, bei dem ich wohnte. – Er hatte einen armen Taglöhner aufgenommen, um sein Haus mit Theer bestreichen zu lassen. Mitten in dieser Arbeit begriffen, kam dem Manne ein anderer Verdienst vor. Da fand er es nicht einmal der Mühe werth, den Bäcker zu fragen, ob er einige Tage bei ihm aussetzen dürfe; er ging fort, und kam erst nach acht Tagen wieder, um die unterbrochene Arbeit fortzusetzen. Um so schändlicher war dieß Benehmen von ihm, da seine Kinder vom Bäcker wöchentlich zweimal Brod, und auch noch Butter dazu bekamen.
Auch ich war so glücklich, Aehnliches zu erfahren. Herr Knudson hatte für mich einen Führer gedungen, und in einigen Tagen schon sollte die Reise angetreten werden. Da wollte zufälliger Weise auch der Stiftsamtmann einen Ausflug machen, und schickte um meinen Führer. Dieser hoffte da mehr zu verdienen, und sagte zu, kam aber nicht zu mir, um sich zu entschuldigen, sondern ließ mir blos am Vorabend der Reise sagen, daß er krank geworden sei, und folglich nicht mit mir gehen könne. – Und solche Beispiele, die dem Isländer gerade nicht zum Lobe gereichen, könnte ich noch gar viele aufzählen.
Ich tröstete mich, Einfalt und Redlichkeit in den entfernteren Gegenden zu finden, und freute mich deßhalb doppelt auf meine Reisen in das Innere des Landes. – Da fand ich wohl manches Gute, doch leider auch so viele Schattenseiten, daß ich weit entfernt bin, die isländischen Bauern als Muster aufzustellen.
Die vorzüglichste ihrer guten Eigenschaften ist die Ehrlichkeit. – Ich konnte meine Sachen überall liegen lassen, und stundenlang davon entfernt bleiben, – nie mangelte mir das geringste, ja sie erlaubten sogar weder sich noch ihren Kindern auch nur etwas davon in die Hände zu nehmen. In diesem Punkte sind sie so gewissenhaft, daß wenn z. B. ein Bauer aus einem entfernteren Orte kömmt, und in eine Kothe treten will, er gewiß nicht unterläßt, vorher an die Thüre zu klopfen, selbst wenn sie offen steht. Sagt Niemand »herein«, so betritt er sie nicht. – Man könnte ohne Furcht und Sorge bei unverschlossener Thüre schlafen.
Ueberhaupt sind Verbrechen hier so selten, daß das Gefängnißgebäude zu Reikjavik schon seit vielen Jahren in das Wohnhaus für den Stiftsamtmann umgewandelt wurde. – Kleine Vergehungen werden gleich bestraft, entweder in Reikjavik selbst, oder an dem Orte, wo der Sysselmann seinen Sitz hat. – Große Verbrecher werden nach Kopenhagen geschickt und dort verurtheilt und bestraft.
Mein Hausherr zu Reikjavik, der Bäckermeister Bernhöft, erzählte mir, daß seit den 13 Jahren, die er in Island ansässig ist, nur ein großes Verbrechen begangen worden sei. – Ein verheiratheter Bauer hatte mit seiner Magd ein Kind gezeugt, und es gleich nach der Geburt verbrannt. – Die kleineren Verbrechen bestehen meistens aus Vieh-Diebstählen.
Was die Kenntnisse der Isländer anbelangt, so sah ich wirklich mit Erstaunen, daß fast Alle lesen und schreiben konnten; Letzteres war unter dem weiblichen Geschlechte etwas seltener. Jünglinge und Männer aber hatten oft recht gute und feste Schriften. – Bücher fand ich in jeder Hütte, wenigstens die Bibel, oft aber auch Gedichte und Erzählungen, manchmal sogar in dänischer Sprache.