Ihr Begriffsvermögen ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich in ihrer Gegenwart meine Landkarte aufschlug, verstanden sie so ziemlich, was sie vorstellte, und begriffen schnell und leicht deren Gebrauch und Nutzen. – Diese Bildung ist doppelt überraschend, wenn man bedenkt, daß jeder Familienvater seine Kinder, und allenfalls auch die nachbarlichen Waisen selbst unterrichtet. – Zwar geschieht dieß nur im Winter, doch der dauert acht Monate, und ist folglich dazu lange genug.
Schule besteht im ganzen Lande eine einzige, in Bessestadt – vom Jahre 1846 an in Reikjavik. – In dieser Schule werden nur Jünglinge aufgenommen die bereits lesen und schreiben können. – Sie können hier entweder zu Priestern gebildet werden, oder auch die Vorkenntnisse zu den juridischen Studien erhalten. – Jene, die sich dem Priesterstande widmen, können allda ihre ganzen Studien beendigen; Jene aber, die Aerzte, Apotheker oder Sysselmänner werden wollen, müssen nach Kopenhagen gehen.
Außer den theologischen Wissenschaften werden auf der Schule zu Reikjavik auch Geometrie, Geographie und Geschichte gelehrt, so wie mehrere Sprachen, als: lateinisch, dänisch und vom Jahre 1846 auch deutsch und französisch.
Die Hauptbeschäftigung der isländischen Bauern besteht im Fischfange, welcher am stärksten in den Monaten Februar, März und April betrieben wird.
Da kommen die Bewohner der innern Gegenden des Landes in die Hafenorte, verdingen sich den Strandbewohnern, den eigentlichen Fischern, als Gehilfen, und nehmen dafür einen Antheil an den Fischen. Außer dieser Zeit wird der Fischfang wohl auch betrieben, aber mehr nur von den Strandbewohnern. – In den Monaten Juli und August gehen wieder Viele von diesen in das Innere des Landes, und helfen da bei der Heuernte, wofür sie Butter, Schafwolle und gesalzenes Lammfleisch erhalten. – Andere besteigen die Gebirge, und sammeln das isländische Moos. Von diesem machen sie entweder einen Absud, der dann mit Milch gemischt, getrunken wird, oder sie zerreiben es zu Mehl und backen flache Kuchen daraus, die ihnen statt des Brodes dienen.
Die Arbeit des weiblichen Geschlechtes besteht in der Zurichtung der Fische zum Trocknen, Räuchern oder Einsalzen, in Abwartung des Viehes, im Stricken und wohl auch in Moossammeln. – Im Winter weben und stricken beide Geschlechter.
Was die Gastfreundschaft der Isländer betrifft, so glaube ich nicht, daß man sie ihnen zu einem sehr großen Verdienste anrechnen darf. Es ist wahr, Priester und Bauern nehmen jeden europäischen Reisenden gerne auf, und bewirthen ihn mit Allem was in ihren Kräften steht, – aber Beide wissen, daß der Reisende, der ihr Land besucht, gewiß weder ein Abentheurer noch ein Bettler ist, und ihnen daher auch erkenntlich sein wird. – Mir kam kein Priester und kein Bauer vor, der nicht die gebotene Gabe ohne die geringste Widerrede angenommen hätte. – Von den Priestern muß ich jedoch zu ihrem besondern Lobe bemerken, daß sie überall sehr dienstfertig und gefällig, und mit jeder Gabe zufrieden waren. Auch ihre Forderungen, wenn ich Pferde zu meinen Excursionen nahm, waren immer sehr bescheiden gestellt. – Den Bauer hingegen fand ich nur in jenen Gegenden weniger eigennützig, wo beinah nie ein Reisender hinkam. An Orten aber die schon mehr besucht werden, waren seine Forderungen oft unverschämt.
Für Ueberfahrten über Flüsse z. B. mußte ich 20 bis 30 kr. zahlen, und da wurden ich und mein Führer in einem Kahn übergeschifft, die Pferde mußten schwimmen. – Der Führer, welcher mich auf den Hekla begleitete, forderte gar 5 fl. 20 kr. CM. und ließ sich ordentlich noch dazu bitten. Er wußte, daß ich gezwungen war, ihn zu nehmen, denn Auswahl an Führern hat man nicht, und unverrichteter Sache will man auch nicht zurückkehren.
Aus diesem Benehmen aber sieht man, daß der Charakter der Isländer gerade nicht zu den trefflichsten gehört, und daß sie ihren Vortheil von den Reisenden so gut zu ziehen wissen, wie die Wirthe und Lohnbedienten auf dem Continente.
Eine große Leidenschaft der Isländer ist das Trinken. Ihre Armuth wäre gewiß nicht so groß, wenn sie weniger dem Brandweine zusprächen, und dafür fleißiger arbeiten würden. Aber so ist es heillos zu sehen welch tiefe Wurzel dieses Laster hier gefaßt hat. – Nicht nur an Sonntagen, auch an Wochentagen begegnete ich Bauern, die so berauscht waren, daß es mir noch heute ein Räthsel ist, wie sie sich auf den Pferden erhalten konnten. – Vom weiblichen Geschlecht kam mir, Gott sei es gedankt, nie ein Exemplar in diesem Zustande vor.