Oeffentliche Gärten oder Versammlungsorte gibt es in Christiania eigentlich keine, aber Spaziergänge desto mehr; denn jeder Weg, den man außer der Stadt einschlägt, führt in die herrlichsten Gegenden, und jeder Hügel, den man ersteigt, ja beinah jeder Punkt der von allen Seiten offenen Stadt, bietet die wunderherrlichsten Aussichten.
Ladegaardoen ist allenfalls der einzige Ort, den die Städter sehr häufig sowohl zu Fuß als auch zu Wagen besuchen. Man hat hier viele und prachtvolle Ansichten der See und deren Inseln, so wie der umliegenden Gebirge, Thäler, Fichten- und Tannenwaldungen. Hier liegen auch sehr viele Landhäuser. Die meisten sind klein, aber recht niedlich und von schönen Obst- und Blumen-Gärten umgeben. – Wenn ich da herumspazierte, glaubte ich tief im Süden zu sein; – so herrlich grünte und blühte Alles. – Nur an den Getreidefeldern erkannte ich den Norden. – Nicht daß das Getreide schlecht gestanden wäre, im Gegentheile, ich fand Waitzenähren, die sich in höchster Fülle und Schwere zur Erde neigten, – aber jetzt, gegen Ende August, stand das meiste noch ungeschnitten auf dem Felde.
Schöne Wege führen durch einen Tannenwald, oft an Ausschnitten vorüber, die so herrliche Prospecte gewähren, daß man stundenlang da verweilen könnte. – In diesem Walde stehen zwei Monumente, die jedoch beide nicht von Bedeutung sind; das Eine gilt einem Kronprinzen von Schweden, Christian August, das Andere dem Grafen Hermann Wedel Jarlsberg.
Reise nach Delemarken.
Alles was ich bisher von Norwegen gesehen, gefiel mir so außerordentlich, daß ich der Begierde unmöglich widerstehen konnte, eine Reise nach den wildromantischen Gegenden Delemarkens zu machen. Man sagte mir freilich, daß es für eine Frau allein, und noch dazu bei so geringer Kenntniß der Sprache, ein etwas schwieriges Unternehmen sei, sich durch all das Bauernvolk durchzuarbeiten. – Nun fand sich aber in diesem Augenblicke Niemand, der dieselbe Reise gemacht hätte, – reisen wollte ich doch, und so vertraute ich meinem Glücke und ging allein.
Nach den Erkundigungen, die ich in Betreff dieser Reise eingezogen hatte, standen mir besonders dadurch viel Unannehmlichkeiten bevor, daß man nirgends eine Anstalt trifft, die für das schnelle und bequeme Fortkommen der Reisenden sorgt. Man ist gezwungen sich einen eigenen Wagen anzuschaffen, und von Station zu Station Pferde zu miethen. Man bekommt zwar wohl auch auf jeder Station ein Wägelchen, das aber nichts anders als ein höchst elender Bauernkarren ist. Ich miethete daher zu Christiania eine Carriol für die ganze Reise und ein Pferd bis nach dem 5 Meilen weit entfernten Städtchen Drammen.
Am 25. August Nachmittags drei Uhr verließ ich Christiania, preßte mich in meinen Wagen, und bemächtigte mich, dem Beispiele der norwegischen Frauen folgend, allsogleich des Leitseiles. Ich fuhr so tapfer zu, als hätt' ich dieß Geschäft schon seit meiner Kindheit betrieben, ich lenkte rechts und links, und ließ mein Bräunchen laufen und springen, daß es eine Freude war.
Die Fahrt nach Drammen ist das Herrlichste was man sehen kann. Hierher soll jeder Maler kommen. – Alle möglichen Naturschönheiten die er sich nur denken kann, findet er hier in schönster Harmonie vereint. Man wird gleichsam erdrückt von dieser Fülle und Reichhaltigkeit, – und der Maler könnte aus einer Ansicht unzählige Bilder schaffen. – Auch die Vegetation ist hier viel kräftiger und üppiger, als ich sie so hoch im Norden zu finden hoffte. Jeder Hügel, ja beinahe jeder Fels und Stein ist von Tannen überschattet; das Grüne der Wiesen war von unnachahmlicher Frische, das Gras mit Kräutern und Blumen durchwirkt, und die Felder strotzten von üppiger Aehrenfülle.
Ich habe viele Länder, viele herrliche Gegenden gesehen, ich war in Italien, in der Schweiz, in Tyrol und Salzburg gewesen; aber nirgends fand ich so eigenthümliche Ansichten wie hier. – Da war das Meer, das sich überall hereindrängte und uns bis Drammen folgte. Da bildete es bald einen lieblichen See, auf dem sich einzelne Boote schaukelten, bald wieder einen Strom, der sich durch Hügel und Felder die Bahn brach, bald war es wieder die herrliche, weit ausgedehnte Wasserfläche, von ziemlichen Dreimastern, gleich riesigen Schwänen, durchzogen und mit zahllosen Inseln übersäet. Letztere bestehen oft nur aus einigen Felstrümmern, manche jedoch bilden niedliche Eilande, auf welchen, halb verborgen von Feldern und Bäumen, einzelne Hütten stehen. – Durch üppige Thäler, durch herrliche Waldungen dahin fahrend, stets begleitet von den schönsten Ansichten und Bildern, erreichte ich nach fünf Stunden die Stadt Drammen, die sich an den Ufern der See und des Flußes Storri Elf ausbreitet, und deren Nähe ich schon, bevor ich sie noch sah, an den umliegenden Landhäusern erkannt hatte.
Ueber den Fluß führt eine lange, schön gebaute hölzerne Brücke, die mit herrlichen eisernen Geländern versehen ist. Das Städtchen Drammen hat hübsche Gassen und Häuser, und über 6000 Einwohner. Das Gasthaus, in welchem ich abstieg, war sehr nett und rein. Man wies mir zum Schlafgemache einen Salon an, der gewiß auch den vornehmsten Städter in jeder Hinsicht zufrieden gestellt hätte. – Lächeln mußte ich dagegen, als man mir mein frugales Abendmahl brachte, das aus einigen weichgekochten Eiern bestand. Ich bekam dazu weder Salz noch Brot, noch ein Löffelchen, sondern nichts als ein Messer und eine Gabel. – Ich möchte doch wissen, wie es diese Leute hier anstellen, weich gekochte Eier mittelst Messer und Gabel zu verspeisen.