Ich fand dießmal die Stadt Gothenburg ganz außerordentlich belebt. Der König von Schweden befand sich hier auf der Durchreise nach Christiania, wohin er ging, um den Storthing zu schließen. Es war eben Sonntag, und der König mit seinem Sohne gerade in der Kirche. Die Straßen wogten von Menschen, die sich alle dem Platze zudrängten, um die Majestät bei ihrem Austritte aus dem Dome zu sehen. Natürlich hatte auch ich nichts Eiligeres zu thun, als mich unter die Menge zu mischen, und glücklich sah ich Vater und Sohn aus der Kirche treten, den Wagen besteigen und knapp an mir vorüberfahren. Beide waren schöne, freundliche Erscheinungen. Das Volk stürmte dem Wagen nach, und haschte begierig nach den herzlichen Grüßen des geistvollen Vaters, wie des hoffnungsvollen Jünglings; es begleitete sie bis an die Wohnung, stellte sich vor derselben auf, und sah mit Sehnsucht dem Augenblicke entgegen, in welchem sie sich am Fenster zeigen würden.
Ich hätte fürwahr an keinem günstigeren Tage hier eintreffen können, denn heute sah ich Alles geschmückt und geputzt; Militär, Geistlichkeit, Beamte, Bürger und Volk waren dem Könige zu Ehren im vollsten Staate.
Unter dem herbei geströmten Landvolke bemerkte ich zwei Bäuerinen, die etwas eigens gekleidet waren. Sie trugen schwarze Röcke, die bis an die halbe Wade reichten, rothe Strümpfe, rothe Leibchen und weiße Hemden mit langen weiten Aermeln. Die Köpfe hatten sie mit Tüchern verhüllt. – Einige Bürgerinen trugen kleine Häubchen nach Art der schwäbischen, und darüber einen kleinen, schwarzen, gestickten Schleier, der jedoch das Gesicht frei ließ.
Auch hier sah ich, so wie zu Kopenhagen, unter den Trommelschlägern und in den Musikbanden des Militärs 10-12jährige Knaben.
Der König blieb noch diesen und den folgenden Tag in Gothenburg, und setzte erst Dienstags seine Reise fort. An den beiden Abenden seiner Anwesenheit waren allerorts die Fenster mit Guirlanden von frischen Blumen geschmückt, zwischen welchen Lichter brannten. – An manchen Häusern waren sogar Transparente sichtbar, die jedoch dem Erfindungsgeiste der guten Gothenburger gar keine große Ehre machten. Alle waren gleich, jedes zeigte ein ungeheures »O« (Oskar), über welchem die königliche Krone angebracht war.
Ich mußte vier ganze Tage in Gothenburg bleiben; auch in Schweden scheint bei den Eintheilungen der Fahrten wenig Rücksicht auf die schnellere Beförderung der Reisenden genommen zu werden. An demselben Tage als ich mit dem Dampfschiffe von Christiania kam, ging jenes nach Stockholm ab, aber leider schon um fünf Uhr Morgens. – Da nun im Monate September nur mehr zwei Dampfboote wöchentlich nach Stockholm abgehen, mußte ich bis Donnerstag warten. – Ich empfand bis dahin ziemlich Langeweile, denn die Stadt selbst so wie die herrliche Aussicht auf dem Hügel zwischen den Vorstädten hatte ich bereits während meiner frühern Anwesenheit gesehen, und die übrige Umgebung der Stadt bestand nur aus kahlen Felsen und Klippen, die nichts Sehenswerthes boten.
4. September.
Der Zudrang der Reisenden war dießmal so groß gewesen, daß man schon zwei Tage vor der Abfahrt keinen andern Platz mehr als auf dem Decke bekommen konnte; mehrere Frauen und Herren, die die nächste Gelegenheit nicht abwarten wollten, mußten sich damit begnügen. Auch mich traf dieß Schicksal; denn ich dachte nicht an die Möglichkeit einer solchen Ueberfüllung, und nahm erst zwei Tage vor der Abreise einen Platz. – Während der Fahrt bekamen wir auf den verschiedenen Stationen auch noch Passagiere, und da kann man sich nun den Jammer der armen, jeder Beschwerde ungewohnten Städter denken. – Da suchte nur jedes ein Plätzchen für die Nacht. Einige Glückliche erhielten die winzig kleinen Gemächer des Maschinisten und des Steuermannes, und die andern kauerten sich in den Gängen und an den Stufen der zu den Kajüten führenden Treppen nieder. – Auch mir bot man ein Plätzchen in der kleinen auf eine Person berechneten Kajüte des Maschinisten; da waren aber bereits 3-4 Personen hineingepreßt, und ich zog es daher vor, lieber Tag und Nacht auf dem Decke zu bivouakiren. Einer der Herren war so gütig mir einen tüchtigen Mantel zu borgen, in welchen ich mich einhüllen konnte, und so schlief ich unter Gottes freiem Himmel viel besser, als meine Gefährten in ihrer Schwitzkammer.
Die Einrichtung auf den Schiffen die den Göthakanal befahren, ist auch nicht die beste. Der erste Platz ist zwar sehr bequem, und sein Kajütenraum ist in artige, lichte Kabinete für zwei und zwei Personen eingetheilt; aber desto schlechter steht es mit dem zweiten Platz; da wurden des Nachts nur Hängematten aufgezogen; über Tag diente er zum gemeinschaftlichen Speisesaale. – Noch schlechter ist für das Gepäck gesorgt. Die Schiffe, die den Kanal befahren, haben einen etwas beschränkten Kielraum, und da werden die Koffer, Kisten, Felleisen u. s. w. auf dem Decke aufgespeichert, gar nicht befestiget, und nur höchst nothdürftig gegen den Regen geschützt. Daß aber diese Nachlässigkeit bei einer Fahrt von 5-6 Tagen gar zu groß ist, bewies die Folge. – Der Regen und die aufschlagenden Wogen der Binnenseen setzten den Raum des zweiten Deckplatzes oft 2-3 Zoll hoch unter Wasser, und das Gepäck wurde von allen Seiten durchnäßt. Noch ärger war es während des Sturmes auf dem Wennersee; der warf das Schiff etwas derb herum, wodurch mancher Koffer sein Gleichgewicht verlor, und den Vorübergehenden auf den Kopf zu stürzen drohte. Dagegen sind die Preise sehr billig; eine Sache, die mir doppelt auffiel, da doch die vielen Schleußen bedeutende Kosten verursachen müssen.
Nun zur Reise selbst.