Von den reizenden Partieen und Aussichten des Nollendorfer Berges genossen wir nichts, da es noch Nacht war, als wir ihn passirten. – Des Morgens sahen wir zwei schöne Denkmäler, deren eines, eine 54 Fuß hohe Pyramide, dem Andenken des Feldzeugmeisters Grafen Kolloredo, das andere dem Andenken der russischen Truppen errichtet wurde. Beide entstanden nach den napoleonischen Kriegen.

Nun ging es fort durch reizende Gegenden nach dem berühmten Badeorte Teplitz, das außer seinen heißen Gesundheitsquellen noch die großartigste Umgebung besitzt, und so ausgerüstet gewiß mit jedem Badeorte in die Schranken treten darf.

Auf der fortgesetzten Route sieht man einen isolirt stehenden Basaltfelsen, Boren, der die Aufmerksamkeit des Fremden schon von ferne auf sich zieht, und gewiß nicht nur als Naturschönheit, sondern auch als Naturmerkwürdigkeit der Mühe werth wäre, genauer besehen zu werden. – Wir konnten dieß nicht, wir eilten fort nach Prag, um noch vor 6 Uhr Abends einzutreffen, und den Eisenbahn-Train, der um diese Stunde nach Wien abgeht, nicht zu versäumen.

Wer malt sich unsern Schrecken, als wir an die Stadtthore Prags kamen, uns da die Pässe abgenommen und nicht wieder zurückgegeben wurden. – Vergebens wiesen wir auf das Visa von Peterswalde – dem Grenzorte – hin; vergebens bedeuteten wir unsere Eile. – Man war so höflich uns ganz kurz mit den Worten zu expediren: »Das geht uns nichts an, morgen können Sie Ihre Papiere auf der Polizei-Direction holen lassen.« – Hiermit waren wir abgefertiget und verloren 24 Stunden.

Ich muß doch eines kleinen Scherzes erwähnen der mir auf dieser Fahrt von Dresden nach Prag begegnete. – In dem Eilwagen saßen außer mir noch eine Frau und zwei Herren. Die Frau hatte zufälliger Weise mein Reisetagebuch nach Palästina gelesen, und fragte mich, als sie meinen Namen erfuhr, ob ich jene gereiste Frau sei. Nachdem ich mich dazu bekannt hatte, drehte sich unser Gespräch viel sowohl um jene, als auch um meine jetzige Reise. Einer der beiden Herren, Herr Katze, war sehr gebildet, und wußte trefflich über Länder, Völkerkunde und andere wissenschaftliche Gegenstände zu sprechen. Auch dem andern Herrn mochte es nicht an vollkommener Bildung fehlen, nur machte er wenig Gebrauch davon. – Herr K. blieb in Teplitz zurück, und der Ungenannte fuhr mit mir bis nach Wien. Da fragte er mich einst: »Nicht wahr, Herr K. hat Sie ersucht, seiner in Ihrem künftigen Reisejournal mit Namen zu gedenken? Wenn Sie mir versprechen dasselbe zu thun, so sage ich Ihnen auch meinen Namen.« – Ich konnte mich des Lächelns kaum enthalten, und versicherte ihn, daß Herrn K. so etwas gewiß nie in den Sinn gekommen wäre, – auch bäte ich ihn, damit er sehe, daß wir arme Frauen mit Unrecht als neugierig gescholten werden, mir seinen Namen zu verschweigen. – Der gute Mann konnte es aber nicht, und ehe wir schieden, nannte er sich mir: Nikolaus B.... – Ich will aber doch lieber seinen Namen verschweigen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil ich ihm nicht versprochen habe, ihn zu nennen, und zweitens, weil ich gewiß nicht glaube, ihm dadurch eine Artigkeit erweisen zu können.

Die Eisenbahn von Prag nach Wien geht über Olmütz, und macht einen so bedeutenden Umweg, daß die Entfernung jetzt 66 Meilen beträgt. – Die Einrichtung der Eisenbahn selbst läßt noch Manches zu wünschen übrig.

Als ich fuhr, war noch nirgends ein Gasthof errichtet, und man mußte sich während der ganzen Reise mit Obst, Bier, Butterbrod u. dgl. begnügen. Und selbst diese Gegenstände waren schwer zu bekommen, da man es nicht wagen konnte aus dem Wagen zu steigen. Der Conducteur rief auf jeder Station: »es gehe gleich weiter,« obwohl der Zug oft eine halbe Stunde und noch länger stehen blieb. Mit Gewißheit wußte man es doch nicht, und so mußte man mit Geduld in dem Wagen ausharren. – Die Conducteure waren auch nicht von dem sanftesten Charakter – eine Sache, die ich beinahe dem Clima zuschreiben möchte; denn schon als wir von der sächsischen Grenze an die Grenze des österreichischen Staates zu Peterswalde kamen, empfing uns der Herr Controllor eben nicht am freundlichsten. Wir boten ihm zweimal einen guten Abend; er schien es zu überhören und forderte in ziemlich lautem und barschem Tone unsere Papiere; wahrscheinlich hielt er uns so wie wir ihn für taub. – Auch zu Gänserndorf, 6 Meilen von Wien, nahm man unsere Papiere auf sehr unfreundliche, wenig zuvorkommende Art in Empfang.

Am 4. October 1845, nach einer Abwesenheit von sechs Monaten, begrüßte ich endlich wieder – wie viele meiner Landsmänninen sagen würden – meinen lieben Stephansthurm.

Viel hatte ich ausgestanden und gelitten; doch wären alle Gefahren und Beschwerden auch noch viel ärger gewesen, meine Reiselust würde sich doch nicht gemindert haben, mein Muth wäre nicht gesunken. – Ich ward für Alles reichlich entschädigt. – Ich sah Dinge, wie sie im gewöhnlichen Leben wohl nie vorkommen; – ich sah Menschen – in ihrer Natürlichkeit – wie man sie auch nur selten trifft. – Und vor Allem brachte ich die Erinnerung des Geschehenen mit, welche mir ewig bleiben wird, und in welcher noch Jahre lang die gehabten Genüsse sich wiederholen werden.

Nun nehme ich Abschied von meinen lieben Lesern und Leserinen, und bitte, vorlieb zu nehmen mit meinen einfachen Worten und meinen vielleicht wenig ergötzlichen, aber gewiß wahren Schilderungen. – Haben sie ihnen vielleicht doch wider mein Vermuthen einiges Vergnügen gemacht, so mögen sie dafür in ihrer Erinnerung ihrer Landsmännin ein kleines Plätzchen gönnen.