Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber – es ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir wenigstens nicht der Fall gewesen – gerieth ich beim Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur dort kennt, den Hof zu machen.
Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall – der Gesättigte hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.
Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.
Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen – es wäre eine Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen – an's Todtschlagen werden sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln – gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«
Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen – ich fürchtete Nichts mehr – nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?
Heimath – was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten – wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist – der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.
Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der sogenannten Thür pochte.
»Entrez!« sagte es von innen.
Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.
»Parlate italiano?« fragte ich.