7. Fährt man, so reicht man dem Begleiter die Hand und hilft ihm im Einsteigen, setzt sich stets auf den Vordersitz, sucht zuerst auszusteigen, um auch beim Aussteigen behilflich zu sein. Von einem sehr höflichen Mann sagt man, daß er im bedeckten Wagen — doch wohl nur mit Damen und in günstiger Jahreszeit — wie in einem Salon [Gesellschaftszimmer] unbedeckt bleibt.
Drittes Capitel.
In Gesellschaft.
Bei aller Tugend und Geschicklichkeit kann man ein unausstehlicher, widerwärtiger Mensch sein durch Mangel an Anstand und Lebensart. Wer eine gute Erziehung genossen hat, kennt die herkömmliche Sitte und beobachtet sie; Niemand, er sei noch so reich, hoch oder gelehrt, kann sich ungestraft darüber hinwegsetzen. Hören wir was in der guten Gesellschaft Sitte und Anstand erheischen.
I.
Von Besuchen.
1. Wir besuchen Vornehme, um ihnen unsre Achtung zu bezeugen oder für Etwas zu danken — unsre Freunde und Bekannte bei freudigen Veranlassungen, Neujahr und Namens- (Fest-)tagen, um sie zu beglückwünschen, bei traurigen Veranlassungen, um unser Beileid zu bezeugen, so wie aus bloßer Höflichkeit und Freundschaft; endlich ist es Sitte, nach einer stattgehabten Einladung einen Dankbesuch zu machen.
2. Hat man von Jemandem einen Besuch erhalten, so muß man denselben in kürzester Frist erwiedern. Es nicht thun, ist unhöflich; wird man nicht wieder besucht, so muß man in den meisten Fällen seine eigenen Besuche auch einstellen. — Alle Anstandsbesuche seien kurz; eine Viertelstunde dürfte das höchste Maß sein. Steht die Person, die wir besuchen auf, unter welchem Vorwand es auch sei, so erfordert es der Gebrauch, auch aufzustehen und sich zu empfehlen.
3. Bei jedem Besuche sei man so gut als möglich gekleidet. In nicht ganz anständiger Kleidung erscheinen, wäre eine Beleidigung. Bei Condolenz-Besuchen spreche man so wenig als möglich von dem Trauerfall (Tod, Proceß, Verlust etc.), und suche das Gespräch auf andere Gegenstände zu leiten. Bei Kranken sei der Besuch kurz, man spreche wenig und leise und nichts was den Patienten belästigen oder beunruhigen könnte.
4. Kommst Du an die Thüre, so reinigst Du zuerst die Fußbekleidung, schellst oder klopfst so sachte, daß Du nur eben gehört wirst, und wird auf wiederholtes Klopfen nicht geöffnet, so schiebst Du Deine Karte unter die Thüre hinein oder gibst sie im Hause ab und entfernst Dich. Wenn man noch so vertraut in einem Hause ist, so erlaubt es der Anstand nicht, in ein Zimmer zu treten, ohne daß man sich vorher in irgend einer Weise angekündigt hat; selbst wenn man die Thür offen finden sollte, klopft man erst und wartet das „Herein” ab.
5. Ist man genöthigt, in einem Vorzimmer zu warten, so ist es unhöflich zu singen, pfeifen, die Möbel oder sonstigen Gegenstände zu berühren, zum Fenster hinauszusehen. Man setzt sich oder, noch besser, wartet stehend. Findet man beim Eintritt den Herrn des Hauses im Gespräch oder beschäftigt, so unterbricht man nicht, sondern wartet ruhig, abseits stehend. Tritt man in eine Gesellschaft, so grüßt man zuerst die Herrin und den Herrn des Hauses, dann die übrige Gesellschaft.