6. So lange der Besuch dauert, bleibt man unbedeckt, selbst wenn man zum Aufsetzen des Hutes aufgefordert wird. Den Hut behält man in der Hand, auf den Knieen, leicht und ungezwungen, und legt ihn erst dann, wenn man ernstlich dazu eingeladen wird, auf ein Möbel, selbst auf den Boden, nur nicht auf ein Bett. — Man setzt sich auch nur dann, wenn man dazu aufgefordert wird. (Siehe I. No. 12 c.)

7. Das Weggehen aus einer zahlreichen Gesellschaft geschehe so unbemerkt als möglich; man hat ja später Gelegenheit, seinen Dank auszudrücken. — Will der Besuchte uns beim Weggehen bis zur Thüre oder gar zur Straße begleiten, so weise man diese Ehre — so hochgestellt auch Jener sei — nicht dringend ab, unterlasse aber nie, diese Ehre lebhaft anzuerkennen und höflichst zu danken. — Unsre Besucher sollen wir immer bis zur Thüre oder Straße begleiten, und steigen sie in einen Wagen, so entferne man sich nicht, bevor sie Platz genommen. Damen reiche man die Hand, um ihnen beim Einsteigen zu helfen. — Geht ein Besucher weg und Andere bleiben, so begleitet man den Erstern nur, wenn er angesehener ist. Erhebt sich aber eine Dame, so geleite man sie mindestens bis zur Thüre. Abends läßt man eine Dame nie allein weggehen, man begleitet sie nach Hause oder läßt sie dahin führen.

8. Personen, die uns zu besuchen kommen, warten lassen, ist unhöflich; muß es durchaus sein, so beauftragt man eine andre Person des Hauses, sie zu empfangen und zu unterhalten, bis man selbst kommen und sich entschuldigen kann. Muß man einen Besuch unterbrechen, so entschuldigt man sich ebenfalls auf’s Höflichste.

II.
Beim Mahle.

Man speise zu Hause oder auswärts, so beobachte man die Regeln des Anstandes und der guten Sitte. Um natürlich und ungezwungen zu sein, müssen diese Gewohnheiten zur zweiten Natur werden, und wer zu Hause an seinem Tische nachlässig ist, wird Fremden gegenüber es entweder auch sein, oder gezwungen und steif erscheinen.

1. Man geht nur mit ganz reinen Händen zu Tische. Es wäre unhöflich in einem fremden Hause, sich seinen Platz selbst zu wählen, man bleibt stehen und wartet, bis der Hausherr Jedem seinen Platz anweist. Bei Tische überwache man sich: setzt sich nicht zu nahe, nicht zu ferne von der Tafel; sitzt nicht mit gekrümmtem Rücken, lehnt sich nicht auf; man darf Nichts als die Hand bis zum Handgelenk auf der Tafel haben. Die Serviette breitet man auf die Kniee. Man beeilt sich nicht mit dem Entfalten der Serviette und wartet, bis Andere es gethan haben. Man bedeckt sich damit nicht bis an den Hals.

2. Die Sitte verlangt jetzt gebieterisch, mit Messer und Gabel nicht zu wechseln, sondern jenes stets in der rechten, diese in der linken Hand zu behalten. Bei Speisen, wie z. B. Pudding, die man bloß mit der Gabel nimmt, hat man natürlich Letztere in der Rechten. Des Messers mag man sich wohl als Nachhülfe bedienen und z. B. Gemüse damit auf die Gabel bringen, allein irgend eine Speise die man leicht mit der Gabel nehmen kann, mit dem Messer an den Mund zu führen, wäre unanständig. Vom allgemeinen Brode schneidet man nie mit dem eigenen Messer ab; ist kein reines Messer dafür auf dem Tische, so müßte man das seinige vorher wohl reinigen.

3. Wer Lebensart hat, wird nicht darauf trachten, zuerst bedient zu werden; man folgt lieber den Andern, vermeidet aber auch allzugroße Höflichkeit und bleibt in der Reihe. Sich „guten Appetit” zu wünschen, gehört nicht mehr zum guten Ton. Seine Suppe schlürfe man ja nicht mit Geräusch, blase nie darauf, vermeide beim Kauen jedes Geräusch, lasse das Couvert ruhig durch die Dienerschaft wechseln, halte Messer und Gabel nie aufrecht, oder gesticulire gar damit.

4. Man sei mäßig, namentlich im Trinken; junge Leute schenken das Glas nie voll, bringen es nicht mit den beiden Händen zum Munde, legen Knochen, Gräthen etc. stets auf den Rand des Tellers, rühren Nichts mit dem Finger an (z. B. Salz, Pfeffer etc.), blicken nicht begierig nach dem oder jenem Gerichte, und sehen den Tischgästen nicht auffallend im Essen zu.

5. Findet man irgend eine Unreinlichkeit, so entfernt man sie so still und unbemerkt als möglich; man genirt seine Nachbarn nicht, sondern sucht ihren Wünschen (nach Salz, Brod etc.) zuvorzukommen. Sprich nicht zuviel, am wenigsten vom Essen selbst, lache nicht laut auf, scheine aber auch nicht allzuernst im Geschäft des Essens vertieft, mache keine Brodkügelchen, noch weniger wirf damit.