6. Vom Nachtisch ist es erlaubt zu wählen; doch berühre die Teller selbst nicht, wofern sie nicht herumgehen oder Du sie einem Nachbar reichen willst; Obst zerschneide und schäle; stochere nicht in den Zähnen, am wenigsten mit Messer oder Gabel; sei nicht der Letzte am Essen, doch warte mit dem Aufstehen, bis der Hausherr dazu das Zeichen gibt.

7. Sich gleich nach Tische zu entfernen ist unartig. Der Anstand erfordert, wohl noch eine Stunde da zuzubringen, wo wir zu Tische gebeten waren. Wer Lebensart hat, verfehlt nicht im Laufe der nächsten 8 Tage seinen Dankbesuch abzustatten.

III.
In der Conversation oder Unterhaltung.

In England und Frankreich bestrebt sich Jedermann, seine Sprache schön und richtig zu sprechen; bei Deutschen in Amerika gilt es leider! bei jungen Leuten, in gewissen Kreisen, für affectirt, reines Deutsch zu sprechen. Das ist ein großer Fehler. Bestrebt Euch, immer gut und richtig zu sprechen, das ist das wahrste Kennzeichen einer guten Erziehung und eines wirklich gebildeten Menschen, läßt sich aber auch nur durch Uebung und im Umgang mit Gebildeten erlangen.

1. Ist es eine große Kunst zu reden, so ist es eine noch größere zu schweigen und zuzuhören. Manche Menschen wollen nur immer sich hören, ihre Weisheit auskramen. Plaudere nie albern in den Tag hinein, schweige wenn Du nichts Ordentliches zu sagen weißt. Du wirst immer gefallen und selbst für unterhaltend gelten, wenn Du dem Gespräche Anderer Geduld und Aufmerksamkeit schenkst.

2. Unterbrich nie, lasse ausreden; antworte nie mit bloßem „Ja” oder „Nein”, noch viel weniger mit Geberden statt mit Worten; bewege beim Sprechen den Körper und seine Glieder nicht, mache keine Gesticulationen; sieh’ den Leuten beim Sprechen in’s Gesicht, aber starre sie nicht an. Schwören oder Fluchen ist eine sehr große Gemeinheit und verräth Mangel an Erziehung. In Gesellschaft mit Jemandem flüstern oder sich einer Sprache bedienen, die nicht Jeder in der Gesellschaft versteht, ist ebenfalls sehr unhöflich.

3. Mache Dich nicht zum beständigen Spaßmacher oder zum ewigen Neuigkeitskrämer einer Gesellschaft; lache nie laut oder zu lange und nie über Deinen eignen Witz. Hüte Dich, in der Unterhaltung Etwas zu erwähnen, was Anwesende verletzen oder demüthigen könnte. Dahin gehört z. B. von Gebrechen zu reden, die Jemand der Anwesenden selbst besitzt, ein Vergehen zu berühren, das Jemand in der Gesellschaft selbst begangen hat u. s. w.

4. Lächerlich ist es, von sich selbst, von seinen Thaten, seiner Geburt, seinen großen Geschäften zu sprechen; sich mit Dem und Jenem zu vergleichen; Vergleichungen sind immer mißlich. Eben so langweile Niemanden mit Klagen über den Zustand Deiner Gesundheit. Sprich nicht oft von Deinen Erfahrungen, Erlebnissen, Reisen, Du setzest Dich sonst der Lächerlichkeit aus, Erzähltes zu wiederholen und Deine Zuhörer zu langweilen; lobe Dich und die Deinigen nie, ebenso wenig sprich Tadel gegen Dich oder Jemanden von Deiner eignen Familie aus.

5. Vermeide sorgfältig jede Unwahrheit, jede Zweideutigkeit oder Zote! Erzähle nicht jedes Gerücht sogleich nach. Versprich nicht viel, aber halte pünktlich Deine Zusage. Sprich nie Uebles von Deinem Nächsten und mache Dich nicht so lächerlich, über eine Person, die eben die Gesellschaft verlassen, Dich tadelnd zu äußern; nimm Abwesende in Schutz. Verleumde nie! Schweige von Dingen, die Du nicht kennst oder nicht verstehst.

6. Eine unverzeihliche Grobheit wäre es, wenn man Jemandem widersprechen muß, zu sagen: „Sie lügen;” „das ist nicht wahr;” „Sie wissen nicht was Sie sagen” — solche und ähnliche Ausdrücke gebraucht kein wohlerzogener Mensch. Ein durchaus nöthiger Widerspruch muß immer in die höflichste Form gekleidet werden; z. B. „Sie möchten Recht haben, allein Sie übersehen wohl”... oder „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken”... „Verzeihen Sie, daß ich Ihnen sagen muß”... u. dgl. — Sei auch nie hart und absprechend in Deinem Urtheil; behaupte und vertheidige Nichts mit Hartnäckigkeit und Eigensinn. Werde nie grob oder gemein, nie zu enthusiastisch und heftig im Gespräch! Werden es Andere, so setze Deine Gründe und Beweise ruhig aus einander und dringst Du nicht durch, so unterlasse den Wortstreit, schweige lieber oder entferne Dich.