7. Allerdings gibt es Fälle, in welchen Complimente erlaubt, ja erwartet und nöthig sind; sie müssen aber stets einfach und natürlich sein; weitschweifige, hochtrabende Redensarten sind abgeschmackt und lächerlich. Empfange Complimente mit Bescheidenheit und weise sie nie unfreundlich ab.

8. Nichts ist in der Conversation lästiger, als ein ewiges Fragen über die kleinsten Dinge oder über das was Dich nichts angeht. Die Fragen über Woher? Wohin? oder gar darüber, was Jemand gethan hat oder zu thun gedenkt, sind unartig. Angesehene Personen zu befragen, erlaubt der Anstand nur ganz ausnahmsweise und unter den höflichsten Ausdrücken. Kommt man in Gesellschaft zu einem angefangenen Gespräch, so erlaubt der Anstand nicht, zu fragen, wovon die Rede sei; aber die Höflichkeit fordert, den Eintretenden mit dem Inhalt des Gesprächs in Kürze bekannt zu machen. Manche Personen haben die leidige Gewohnheit, jedem ihrer Sätze ein ungezogenes: „Verstehen Sie mich?” beizufügen, oder die noch leidigere, durch unaufhörliches: „Wie, Wie?” den Sprechenden alles Gesagte wiederholen zu lassen. Letzteres darf nur höchst ausnahmsweise und mit der größten Höflichkeit geschehen.

IV.
Bei einigen besondern Gelegenheiten.

1. Hat man irgend eine Einladung angenommen, so ist sehr unhöflich, ohne ausdrücklich gemachte Entschuldigung wegzubleiben oder sich erwarten zu lassen.

2. Wird man in Gesellschaft zum Singen oder Musiciren, zu einem Vortrag oder dgl. aufgefordert, und kann man es, so steht es übel an, uns sehr bitten zu lassen; man gebe der Aufforderung willig nach und nehme gespendeten Beifall mit Bescheidenheit hin.

3. Bei jedem Darreichen oder Annehmen in der Gesellschaft verneige man sich leicht. Man reiche oder nehme Nichts in der Weise, daß man mit dem Arm an Jemandem vorbeilangt oder über Gerichte hinwegfährt; lieber bitte man seinen Nachbar, uns das Gewünschte (gefälligst) zukommen zu lassen.

4. Läßt Jemand Etwas fallen, so fordert es die Höflichkeit, sich rasch zu bücken und es aufzuheben. — Sich des Ofens oder Kamins zu bemächtigen und sich mit dem Rücken daran zu wärmen ist unhöflich.

5. Macht man ein Geschenk, so spreche man später nie mehr davon und vermeide ganz besonders, den Preis zu erwähnen. Die Art des Gebens soll dem Geschenk den besten Werth verleihen. Auch eine Kleinigkeit nimm mit Freundlichkeit entgegen. Hast Du einen Schirm, ein Taschentuch oder dgl. entlehnt, so beeile Dich, das Entlehnte dankend zurückzusenden. Wäsche gibt man nie in unreinem Zustande zurück.

6. Auf Reisen sei gefällig! Falle nicht lästig durch langweiliges Fragen oder durch ewiges Klagen; biete Damen oder ältern Leuten den bequemern Platz an. Hüte Dich vor Vertrautheit mit Personen, die Du nicht genauer kennst. Bewundere nicht Alles und Jedes, noch viel weniger tadle immer! In der Fremde sprich immer mit Achtung oder Zurückhaltung von den Gesetzen, Sitten, von der Religion. Suche nie lächerlich zu machen, was Andern heilig oder ehrwürdig ist und betrage Dich besonders achtungsvoll in Kirchen und bei religiösen Ceremonien.

7. Beim Spiel sei fröhlich aber nicht ausgelassen. Lautes Gelächter ist eine sehr üble Gewohnheit. Immer und über Nichts zu lachen ist dumm, laut aufzulachen ist unfein und verräth Mangel an Erziehung.