Der Weg, den er sich vorgezeichnet hatte, lag zum erstenmal in voller Klarheit vor ihm, die Absichten und Ziele, deren er sich während des Schreibens erst ganz bewußt geworden zu sein glaubte, schienen ihm groß und schön und aller Opfer wert. Er setzte seinen Namen unter den Brief und verharrte in Versenkung, das Haupt geneigt. Diese Worte, an Müller gerichtet, waren mehr als eine Auseinandersetzung seiner Ansichten, als eine Rechtfertigung seines Eintrittes in den Klub. Sie entschieden über das Leben, das ihm noch blieb. Sie trennten ihn auf ewig von Deutschland und der Vergangenheit. Er dachte es nicht aus, was alles sich ihm in Müller verkörperte, den scheue leidenschaftliche Freundschaft trotz allen heimlichen Werbens nie ganz zu gewinnen vermocht hatte. Er hatte einen Scheidebrief geschrieben, er wußte es, — und wußte es doch nicht. — — —
Frauen brauchten immer längere Zeit, um sich mit dem Neuen abzufinden, er meinte sich dieser zögernden Haltung einer fertigen Entscheidung gegenüber von seiten Theresens als etwas ganz Gewohntem zu erinnern, selbst wenn sie vorher zu dieser Entscheidung gedrängt hatte. War es nicht immer so gewesen, daß sie ein gedehntes „Ach!“ sagte und dann lange Zeit gar nichts und dann Einwände hören ließ und Zweifel vorbrachte. Oh, er suchte ängstlich in seinem Gedächtnis nach ähnlichen Fällen und versicherte sich dann, ja, es sei immer so gewesen! Jedoch es war diesmal nicht recht von ihr, seine Verantwortung mit ihrem halb erschrockenen, halb nachdenklichen Hinnehmen seiner Entschlüsse dermaßen zu belasten, und die betretene Stimmung, die auch Karoline und der gute Brand, der ja nun freilich ganz und gar nicht maßgeblich war, an diesem Abend zur Schau trugen, veranlaßten ihn zu einer zornigen Gesprächigkeit. Was der Vater in Göttingen sagen würde? Wie, war dies auf einmal ihre erste Sorge? Nun, der gute Alte habe ihm neulich, wie sie sich wohl erinnern werde, geschrieben, daß man diesseits und jenseits der Leine in Frieden lebte, äße, tränke und schliefe, — daran würde auch der Übertritt seines Schwiegersohnes auf ein ihm fremdes Gebiet nichts ändern, obschon es gewiß einige Lamentationen kosten würde. Sie möge nur entschuldigen, sie kenne seine Verehrung, seine Liebe für den alten Herrn, — seit wann aber fordere sie, daß er ihm zuliebe seine Lebenswege in der hannöverschen Tiefebene halte? Viel peinlicher sei es ihm zumute in Erwartung eines Ausbruchs des väterlichen Vulkans in Halle, und — nun ja, er sei eben nicht in der Lage, das Praktische ganz über dem Ideal hintenan zu setzen, da er sie und die Kinder nicht hungern lassen dürfe: würde der wackere Voß in Berlin sich jetzt noch zur Gewährleistung jenes Darlehns der 1500 Dukaten, deren er zur Deckung von allerlei Schulden — „du entsinnst dich wohl, meine Teure!“ — so dringend bedurfte, verstehen können? — Karoline wagte es, mit sanfter Stimme einzuflechten, daß es derlei Bedenken ja auch sein möchten, die den Hofrat Heyne möglicherweise zu Lamentationen veranlassen würden und mit einigem Recht. Sie wurde jedoch gar nicht beachtet, denn mit einer Bewegung, als striche sie etwas Unsichtbares von der blanken Tischplatte hob Therese kummervolle Augen zu George empor und sagte mit schwerer Betonung: „Und dies hast du nicht bedacht, mein Freund, daß du nicht nur die Ehre deines Weibes, sondern auch ihr und deiner Kinder Leben durch deinen Schritt gefährdest? Oh, wir werden alle vogelfrei sein, eines Tages …“ Sie nickte aufschluchzend vor sich hin. George blickte starr auf sie nieder.
„Willst du mir nicht bitte sagen, woher dir dieser Pessimismus kommt? Vor drei Tagen redetest du anders.“
„Oh, warum gehst du nicht mit Brand nach Italien?“
„Willst du mir bitte nicht erklären …“
George hielt inne. Er blickte zu Karoline hinüber, die seinen Augen auswich und sagte, von einer Erkenntnis überkommen, fast ohne es zu wissen:
„Huber ist hier gewesen!“
Nach einer Weile, als niemand widersprach, wiederholte er diese Mitteilung, die ihm seine eigene Stimme da eben gemacht hatte, und setzte hinzu:
„Und — ich sollte es nicht wissen.“
„Ich weiß nicht, warum ich es dir nicht erzählt habe.“ Therese sprach abgebrochen, in hastigen, kleinen Sätzen. „Er war vorgestern ein paar Stunden hier. Du hattest die Sitzung wegen der kurfürstlichen Privatbibliothek …“