„Er hat Weihrauch auf den Lippen und Säure im Gemüt“, dachte er kurz darauf etwas ergrimmt, als er über die Schulter des jungen Russen blickend und mitten in einem wohlgebauten Satz über den Hofstaat des Königs O-Tu den Augen Müllers begegnete, der dort hinter dem Rücken des Gastes lautlose Schritte auf und nieder machte, Wandleuchter, Bilder und Spiegel gelangweilt musternd, die Hand in den Westenausschnitt geschoben und mitunter einen der Anwesenden mit seinen schweifenden Augen gleichgültig freundlich anblickend. George empfand Kritik in jedem Auftreten dieses Mannes, jener nahm nichts ernst und hing an die heiligsten Sentenzen sein skeptisches Fragezeichen. War es die Beschäftigung mit der Historie, die die Unbefangenheit zersetzte? Woher nahm er das Recht, alles anzuzweifeln? Hielt er es für ein Recht des Philosophen? Indessen war er etwa allein Philosoph? Hier stand er, George Forster, der die halbe Erde gesehen hatte, — gesehen, meine Herren, der nicht nur ein blasses Bücherwissen hatte wie Sie alle! — hier stand er im blauen englischen Frack und unterrichtete einen halbasiatischen Würdenträger über die Eigenschaften der Südseeinsulaner, entledigte sich dieser Aufgabe in dem weltmännischen Plauderton, den ihm die Gewohnheit des Umgangs mit hohen Herren verliehen hatte. War dies ein Anlaß, ein Auge zuzukneifen und die Mundwinkel hängen zu lassen, oh, nur für eine Sekunde, und dann sah man wieder aus wie ein harmloser Zuschauer des Lebens; aber George hatte es wohl bemerkt. Er fühlte entrüstet, daß ihm der Faden der Rede entgleiten wollte, einfach über dem Gedanken, daß er diesen pflaumenfarbenen Rock noch nie an Müller bemerkt habe und daß dies im Grunde eine sehr hübsche Farbe sei, nahm erschrocken wahr, daß die lichten Brauen des Knaben vor ihm sich leise hoben, seine blassen Augen sich etwas weiteten, daß Herr von Hippel, der Gouverneur, wunderlich lächelte, — wußte, daß er sich wiederholt habe, stockte verwirrt, blickte vor sich nieder und vernahm in diesem Augenblick dankbar die Aufforderung zu Tisch zu gehen.

„Priziers Vortrag fällt also ins Wasser?“ fragte ihn Müller, zu seiner Rechten sitzend, halblaut in das erste Aufrauschen der Unterhaltung hinein, nachdem man sich um die runde Tafel herum niedergelassen hatte und der Graf Puschkin für Minuten völlig von Canitz in Anspruch genommen wurde, der selig irgendwelche Erinnerungen an allerhöchste Verwandte Höchstdesselben auspackte.

„Mon dieu, was für ein verlorener Abend!“

„Ich halte es nicht für Raub an meiner Arbeit, Stunden im Umgang mit Menschen zuzubringen“, gab George steif zurück, sich nicht bewußt, daß seine Augen es verrieten, wie er selbst sich getroffen fühlte. Er sah auch nicht, daß der andere lächelte, denn er vermied es, ihn anzublicken. „Mag sein, daß ich meine Arbeit nicht so hoch einschätze“, fügte er kampfbereit hinzu.

„Wann werden Sie einmal einen Abend bei mir zubringen, Forster?“ fragte Müller herzlich, den Ton der Antwort völlig überhörend. „Ich denke doch, wir würden manches auszutauschen haben. Ich würde sagen, bringen Sie Sömmerring mit, indessen es plaudert sich nun einmal zu zweien ungleich leichter als zu dreien.“

„Haben Sie Neuigkeiten von Jakobi?“ fragte er nach einer Weile, als George nichts erwiderte und ihn nur mit einem unsichern Blick gestreift hatte.

„Ich danke Ihnen, ja,“ sagte der Gefragte nun hastig. „Er ist mit den Seinen wohlauf. Ach, Pempelfort, — ein Paradies der Freundschaft!“

Er bediente sich mit Fisch, griff nach seinem Glase und lächelte Müller nun freimütig an. „Der Freundschaft Angedenken!“ sagte er und hob den grünlichen Römer mit einer schwärmerischen Gebärde, zugleich Sömmerrings Blick suchend, auf den er alsbald traf, denn Sömmerring, dort drüben zwischen Richers und Greve, schien mit diesem Blick längst in Bereitschaft gelegen zu haben. Müller, der bedächtig getrunken hatte und sich nun seinem Fisch in ausgesucht zierlicher und besonnener Weise widmete, sagte langsam: „Ich schätze den Menschen Jakobi ungemein. In bezug auf seine Schriften aber bin ich ein wenig Goethes Meinung.“

George fuhr auf.

„Goethe“, sagte er schnell, „ist ein großes Genie und ein kaltes Herz, ohne Hingabe und ohne Treue, unfähig, eine Seele wie Fritz Jakobi zu umfassen. Goethes Geist gleicht der Pracht antarktischer Breiten, mein Herr, und der „Woldemar“ entsprang einem wärmeren Himmelsstrich.“