„Aber nun wollen wir eilen!“ George straffte seine Gestalt und schlug eine schnellere Gangart an. Die späte Nachmittagsstunde äußerte ihre Wirkung in seinem Befinden, ohne daß er sich klar darüber wurde, er pflegte erst gegen Abend völlig zu erwachen. Vom Rhein her kam ihnen der Wind angenehm fächelnd entgegen, George konnte es auf einmal nicht erwarten, Wasser zu sehen. Sie durchschritten das Tor beim eisernen Turm und George nahm den Hut ab, als grüßte er die stille Majestät des Stromes, die wimpelfrohe Fahrt der Schaluppen, Lastkähne und Segelschiffe, die ernste Lieblichkeit der Auen und drüben das sehnsüchtige Blauen der Taunusberge. An die Brüstung der Raimondi-Schanze gelehnt sprach er zaudernd, als suche er die Worte in seinem Gedächtnis zusammen: „So sollte man wohnen, — so, — einen Strom vor den Fenstern, den Tanz der Möwen, das Schwanken der Rahen vor Augen, — es wäre ein Surrogat der Meeresferne, der Reise …“
„Und Träume eine Ablösung des Handelns, würde Therese sagen, — nicht ich, mein Teurer!“ ergänzte Huber, verlegen lachend.
„Sie ist von ungeheurer Spannkraft, von rätselhafter Energie, Huber, nicht wahr? Es ist nicht immer leicht, ihr zu genügen, aber geben Sie acht! Lassen Sie mich nur erst zurück sein!“ Er schob den Arm wieder in den des Freundes, sie gingen dem Gartenfeld zu, wo Therese mit den Kindern sie in dem kleinen Mietgärtchen erwartete. George pfiff den Ruf der Schiffer auf dem Strom nach, inbrünstig und falsch. Reiseunruhe zuckte ihm im ganzen Körper.
Als sie in den Heckenweg einbogen, räusperte Huber sich. „Sie wünschen also nicht, lieber Forster, daß ich mir für die Monate Ihrer Abwesenheit ein anderes Logis suche? Oh, mein Gott, Sie sehen mich erstaunt an, — es könnte doch sein, nicht wahr, es wäre doch möglich, daß Ihre Güte es nicht selbst fordern wollte, und dennoch, der Wunsch Ihres Herzens wäre mir Befehl …“
Er verwirrte sich unter dem stillen Blick des anderen.
„Mein Freund, — ich verstehe Sie nicht,“ sagte Forster langsam.
Das Röschen sprang ihnen jubelnd entgegen, die Magd kniete auf einem Beet und schnitt Spinat, Therese saß in der frisch umgrünten Bohnenlaube, die kleine Claire an der Brust, und lächelte ihnen zu. Ach, dieser Abend lag im wehmütigen Lichte des Abschieds. Dies enge Gärtchen, sonst von ihm gering geschätzt und vernachlässigt, wie war es traut und heimatlich, eben weil es eng war! Wie blühten die Apfelbäume und wie blaute der klare Himmel so rosig-weiß umgittert durch ihr Gezweig! Wie hatten Kirschen und Stachelbeeren so lobenswert angesetzt, und wie die Erbsen keimten, wie die Salatstauden standen, — es war doch ein Staat! Der Vater würde nun mit dem Schiff wegfahren, das große Wasser entlang, und in ferne, fremde Länder, erzählte George dem aufhorchenden Kinde, die warme kleine Hand in seiner und auf den schmalen Pfaden zwischen den Rabatten spazierend. Bis er wiederkäme, würden die Kirschen rot sein und vielleicht auch schon aufgegessen. — „Ich hebe Ihnen welche auf, Papa, die allergrößten!“ beruhigte das Röschen, — das kleine Clairchen würde ein viel dickeres Clairchen geworden sein und Röschen würde den Papa am Ende ganz vergessen haben und nicht wiedererkennen. Das Kind sah ernsthaft zu ihm auf: „Wird denn so schnell alles anders, Papa?“
„Zuweilen doch, Röschen, zuweilen …“ Er wandte an der Gartenpforte um, die Gedanken um all die Möglichkeiten plötzlicher Veränderungen kreisend, die bevorstehen könnten, wenn es ihm denn gelingen sollte, Gelegenheiten wahrzunehmen. Der Garten war eng, der Garten war traut, — aber die Welt so weit und das Große noch nicht getan. Und da blickte er zu Therese hinüber in die Laube und sah sie dort sitzen, das Kind in den Armen und sah Huber an ihrer Seite und wußte nicht, was er sah und was ihn so erschreckte. „Sie sehen so — geborgen aus“, dachte er ratlos und kam zögernd näher, als Therese rief: „Kommst du denn gar nicht zu uns, Lieber?“ —
Übrigens war es nicht seine Art, einen solchen Augenblick ahnungsvoller Erkenntnis grübelnd im Gedächtnis zu tragen. Er vergaß ihn in der nächsten Stunde, und um so schneller und gründlicher, als die Reisevorbereitungen umfangreich waren und ihn ganz in Anspruch nahmen. Sein erstes Reiseziel war Aachen, dort bei Jakobi würde er den jungen Humboldt treffen. Und nun völlig von seiner nächsten Umgebung abgelenkt im Gedanken an den liebenswürdigen Schüler, der ihn erwartete, schon empfindend, wie der leere Raum im Wissen und in der Erfahrung des andern die eigene Fülle, den eigenen Überfluß unwiderstehlich ansog, bereits in der nächsten bunten wechselnden Zukunft lebend, nahm er es kaum wahr, daß Therese, stiller noch und sanfter, als sie es in den letzten Monaten gewesen war, unter dem Abschied unverhältnismäßig litt. Ihr Weinen am letzten Abend erschütterte ihn. Er saß am Schreibtisch, um noch einige amtliche Briefe zu erledigen, und fühlte auf einmal, daß sie, die sich bisher im Hintergrunde des Zimmers mit dem Koffer beschäftigt hatte, neben ihm kniete. Weiter schreibend tastete er mit der Linken nach ihr, legte die Hand auf ihren warmen Nacken, spürte das Beben ihres Körpers und legte erschrocken die Feder hin.
„Was ist dir, Kind?“