Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehen den rechten Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im Hausflur auf — nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt oder ihre Neugier befriedigt.
Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast; es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war.
Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte. Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen Gutdünken, ob sie so bleiben wollten.
Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „O Imperador!“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr. Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sich nur leicht verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine, etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete, wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders gedacht — es war so garnichts zum Eindruckmachen!
Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen! Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen, sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin.
Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser, der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle; Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert, wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück; im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof; alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben.
Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich, und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“ zuzogen.
Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch länger werden lassen, darum für heute Schluß!
Deine getreue Ulla.