Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen. Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen. Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie auch kein Undank treffen.

Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt.

Wir besahen uns zunächst die Kirchen; der kleine Ort hatte deren nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl, weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu Gesicht gekommen.

Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16–18 Stunden in Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4–5 Monate gebrauchten; frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichen Arbeitsleistung nach den Kosten eines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das vor allem andern daran dachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine Heiligen angemessen unterzubringen.

Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen, und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und grünen[2] Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe, deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube; ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen, und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctiv fühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „A Senhora esta muito civilisada!“

An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen. Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten. Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden, die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde; hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen, die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert, äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem, buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu „schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte, dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zur Stadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein schon mit diesem Reichtum an natürlichem Schmuck zu machen gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10–20 Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier — und die kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören. Also:

Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem Bahnhof, wo Dom Pedro ankommen sollte, und da sich der Zug um fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“ hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz anständigen Mauer anzustauen.

Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf der Station Entere Rio warten müssen, wo man eben am Malen und Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die gute Laune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball gesorgt?“ hörten wir ihn fragen.

Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit „empfangen“ durften.

Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige — entre nous, schauderhafte — Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung. Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten, aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zum show nicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle, gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand erforderlich. Oder sehen sie dergleichen nicht?!