Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht giebt.
Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien, wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran den Kaiser Dom Pedro II., der sein Erscheinen auch freundlich zugesagt.
Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird) eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja — wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit.
Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „Dom Pedro Segundo“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen ohne einen Heller Kosten zurücklegten.
Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „Paciencia“, und niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit nach dem andern Perron — ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist, Grete, Waggons und Lokomotive alles en miniature. Schneller als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig — oder ungeduldig — ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen aus: er war 1 m. 65 cm. breit.
Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher, keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er dreimal auf derselben Seite erscheint.
Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts, im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden.
Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande (meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen, doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch eine Weile damit hin, im „Salon“ auf den rechtwinkeligen Stuhlreihen zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette.