Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes — nun, Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder — lies es im Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz.

Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über nichts mehr!

Gute Nacht — aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht — also Guten Morgen!

Deine Ulla.

Saõ Francisco, den 1. September 1881.

Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen, d. h. von einer Reise nach der Provinz Minas geraes, wo wir geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der Geographiestunde, zumal das geraes! Und gedacht haben wir uns garnichts dabei, während es doch so einfach ist: geraes ist die Mehrzahl von geral, allgemein, und Minas geraes heißt also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land.

Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“ spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt ihre beiden Namen: Ouro preto d. h. schwarzes (dunkles) Gold und Villa rica d. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge und Flüsse.

Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder so ganz verschieden sind von dem, was man in der Provinz Rio sieht. Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte!