Saõ Francisco, den 5. October 1881.

Meine liebe Grete!

Es ist gerade, als hätte die Vorsehung den Stoßseufzer in meinem letzten Briefe an Dich zu Gesichte bekommen! Das „deutsche Wesen“ ist da! Und das wunderlichste obendrein, das Du Dir vorstellen kannst — das Gaudium des ganzen Hauses und, daß ich’s nur gestehe, meines auch. Es ist ein Naturforscher, ein älterer Herr, dem auf die Empfehlung eines italienischen Collegen hin Dr. Rameiro das Haus „zu Befehl“ gestellt hat für die Dauer seines Aufenthaltes in dieser Gegend Brasiliens.

Unser guter Landsmann, dessen Französisch absolut unzulänglich ist, und der sich ziemlich vergeblich abmüht, sein deutsch accentuiertes Latein dem Portugiesischen anzupassen, wäre ohne mich als seinen Dolmetsch völlig verloren. Er ist ein „Gelehrter“, wie er in Büchern steht, und würde mit seiner Pedanterie und seiner wunderlichen Kleidung selbst bei uns komisch sein, hier aber sehe ich es dem Vehmgericht trotz ihrer unbeweglichen Gesichter an, wie es sie entzückt, sich über etwas Deutsches lustig machen zu können, und ich bin gewiß, daß sie überzeugt sind, alle Deutschen wären genau wie dieser Professor. Zu dem, was man so Plaudern nennt, ist er gerade nicht gemacht, aber er ist doch ein Landsmann, und ich höre doch wieder deutsche Worte! Was das für eine Wonne ist, Grete! Ich könnte den garstigen kleinen Pedanten küssen bloß dafür, daß er ein Deutscher ist!

Aber ich wollte Dir eine Geschichte erzählen, die ihm gestern passierte, und über die ich gelacht habe, wie noch nie, solange ich hüben bin.

Gestern war Sonntag, und als ich im Genusse meiner Muße am Nachmittage vor der Thür sitze, steht plötzlich die sonderbarst ausstaffierte Gestalt von der Welt vor mir. Eine große blaue Brille auf der Nase, einen weißen Strohhut auf dem Haupt, eine mächtige Botanisiertrommel an der Seite, ein grünes Schmetterlingsnetz über der Schulter, aus der rechten Rocktasche ein „Handbuch der Botanik“, aus der linken ein umfangreiches Werk über Insectenkunde — wer konnte in diesen Attributen anders stecken als ein deutscher Gelehrter! Unser guter Professor forderte mich auf, die Genossin seiner ersten Entdeckungsreise auf der Pflanzung zu sein, allein die Sache hatte für mich wenig Reiz, und die Sonne war mir auch noch zu drückend; so bat ich ihn, mich zu entschuldigen. Die Kinder kamen heraus und spielten vor der Thür, und Dona Gabriella und der Doktor setzten sich zu mir auf die Bank. Als wir aber kaum ¾ Stunden da gesessen hatten, wurden wir plötzlich wild aufgeschreckt.

Um die scharfe Biegung, die der Weg grade neben dem Hause macht, stürzte es hervor, atemlos, bis an den Hals beschmutzt, einen Stiefel von einem Schlamm-Überzug bedeckt, den andern dadurch ersetzt, brillenlos, hutlos, ohne Botanisiertrommel, das leere Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand — die Reste eines deutschen Gelehrten, der ausgezogen war, Natur zu forschen! Keuchend sank er auf die Bank nieder, entsetzt starrte ihn der Doktor an und blickte dann hilfeflehend auf mich, die ich schon mein: „Was ist denn nur geschehen?“ herausgestoßen hatte.

„Geschehen! ach! oh! Ich werde verfolgt! Man will mich umbringen! Ermorden! Uff! ah, meine schönen Pflanzen — eine solche Orchis! Und diese intressanten Sandflöhe, o, ich hatte ein Prachtexemplar unter der Lupe....!“