Meine liebe Grete!

Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten Pflanzungen sind alle 4–6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „professora“ halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen!

Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist; es würde mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande zu haben....

Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: — ich bin totmüde und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden.

Deine Ulla.

S. F., den 3. Dez. 1881.

Das war eine lange Pause, meine Grete, nicht wahr? Aber Du wirst mir schon verzeihen, wenn Du hörst, daß ich krank war. Ein abscheuliches Sumpffieber hatte mich richtig gefaßt und mich im Verein mit der Ueberanstrengung, die diese Stelle besonders in musikalischer Beziehung von mir fordert, für vier Wochen pädagogisch unschädlich gemacht.

Heute an meinem Geburtstage (ach Grete, kein Mensch weiß davon, ich habe keinen Glückwunsch, keine Blume, keinen Brief, nichts!) bin ich zum ersten Mal aufgestanden und will in diesen Tagen nach Rio, um einen Arzt zu konsultieren. Es grüßt Dich herzlichst

Deine Ulla.