Deine Ulla.
Petropolis, den 15. Januar 1882.
Mein liebstes Gretele!
Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich verloren hatte — oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den ich beim Kragen erwischt?
Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags.
In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachen nicht sehr bekömmlich, und besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden!
Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen:
Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht, daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen, im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß man einzig die gêne bedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! —