Da zu wenig Schulräume vorhanden sind, so gebe ich meine Stunden gewöhnlich mit einer andern Lehrerin zugleich in demselben Zimmer; wärend also am einen Ende des Saales z. B. portugiesische Gedichte deklamiert werden, versuche ich meinen unaufmerksamen „Donas“ die Verwicklungen der deutschen Deklinationen klarzulegen. Die drei Artikel mit ihren vier Fällen sind ihnen aber in ihren zwölfteiligen Dunkelheiten (die Mehrzahl garnicht gerechnet) so unsympatisch, daß ich ordentlich fühle, wie unser unschuldiges der, die, das von der ganzen gelbblaßen Gesellschaft vor mir wie eine hinterlistige Erfindung angesehen wird, die eigens aus Tücke für Schulkinder gemacht wurde. Neulich, als ich einer kleinen schwarzäugigen Krabbe verbesserte: „Der Schirm steht hinter der Thür“ — warf sie mit sofort erscheinenden Wutthränen ihr Buch auf den Tisch und schrie in hellem Zorn: „Was! Sonst war es immer die Thür, und jetzt ist es mit einmal der Thür?!“
Grete, ich war ganz konsterniert und wußte im ersten Augenblick wirklich nichts zu machen. Aber derartige Scenen kommen hier oft vor. Die besseren Familien geben ihre Töchter überhaupt nicht in Collegios, und daher ist diese Gesellschaft gewöhnlich die wenigst gut erzogene und wildeste, die man sehen kann; sie toben und schreien oft, bis sie ganz kirschbraun im Gesicht sind. Unsere jüngere Französin Mademoiselle Lerôt sperrt sie dann immer in einen leeren Schrank, bis sie still sind. Die Vorsteherin sehen wir selten, eigentlich nur bei den Mahlzeiten; sie ist die Einzige, die Autorität hat bei der wilden Bande, vielleicht weil sie sich so wenig zeigt. Sie sitzt immer in guter Toilette in ihrem Wohnzimmer, empfängt die Eltern ihrer Zöglinge und giebt nur eine Lesestunde in jeder Klasse. Sie liebt es nicht, wenn wir uns in Schulangelegenheiten an sie wenden, und so wird mir auch nichts anderes übrig bleiben, als mir selbst zu helfen wie Mlle. Lerôt.
Von einem Lehrplan oder auch nur einem Stundenplan habe ich bis jetzt noch nichts entdecken können, und alles erscheint mir hier vorläufig wie ein wüstes Chaos. Die Anzahl meiner Klavierschülerinnen habe ich bis jetzt beim besten Willen noch nicht feststellen können; wenn ich mich des Morgens um halb sieben ans Klavier setze, so erscheint bis um zehn Uhr alle halbe Stunde eine Andre mit ihren Noten, als ob sie von einem mechanischen Uhrwerk ausgespieen würden; ich notiere sie mir nun alle nach der Reihe und werde wohl so mit Mühe und List endlich zu einem gewissen Stundenplan durchdringen.
Mich haben sie vorläufig noch ganz gern, und zwar, wie mir Mlle. Lerôt sagte, weil — ich gute Toilette mache (womit man doch manchmal Kinderherzen gewinnt!) und „nicht wie die andern Deutschen aussehe.“ Letzteres ist hier ganz entschieden als ein Lob zu fassen, es empörte mich aber nichts destoweniger; allein wie sollte von Kindern Rücksicht zu erwarten sein, wenn sich Erwachsene ähnlicher Taktlosigkeiten nicht schämen. Heute Morgen ging Madame mit einer brasilianischen Dame und Zöglingsmutter durch das Musikzimmer, und die Brasilianerin sagte ganz laut auf Portugiesisch: „Ist sie eine Deutsche? Ah, sie hat garnicht den deutschen Typ und ist ja auch sehr gut angezogen!“ Das Absprechen des „deutschen Typ“ war mir, der starren Germanin, wie Du wohl denken kannst, äußerst schmerzlich und zugleich bei meinem blonden Haar verwunderlich — was aber mögen denn meine deutschen Vorgängerinnen und andre Kolleginnen hier für Gewänder getragen haben, wenn die Toilette der deutschen Damen so sehr das hohe Mißfallen der Brasilianerinnen erregt?! Übrigens findet man diese Geringschätzung deutscher Konfektion hier überall. Das Drastischste in dieser Beziehung begegnete mir neulich in einem Friseurladen, wo ich eintrat, um mir den kurzgeschorenen Kopf wieder einmal ordentlich durchbrennen zu lassen. Ich wußte nicht, daß das an sich schon etwas Auffallendes hier ist, da die Brasilianerin nie allein auf der Straße geht und sich keinenfalls außer dem Hause frisieren lassen würde. Der Jüngling mit der Tollscheere hielt mich zuerst für eine Französin, da ich mein Anliegen auf französisch vorgebracht; dann fragte er, ob ich Russin sei, und als er mich schließlich, halb zu meinem Ergötzen, halb zu meiner Entrüstung durch alle Nationen durchgefragt hatte, meinte er zuletzt: „Mais enfin — vous n’êtes pas allemande?“ „Et pourquoi non?“ sagte ich, innerlich wütend. „Ah bah“, machte er verächtlich, „ça se connaît; les allemandes sont toujours mal-vêtues et n’ont pas de chic.“
„„Les allemandes“ bedanken sich“, dachte ich und ging von dannen, diesem Laden ewige Feindschaft schwörend.
Aber da läutet es zum Thee. O dieser Collegio-Thee! Augenblicklich mache ich mir die große Hitze zu Nutze, um ihn häufig auszuschlagen und mir anstatt dessen die cajuada, eine Limonade aus der Cajú-Frucht, die hier viel getrunken wird und sehr kühlend ist, zu bereiten. Das zweite Läuten — ich eile!
Deine Ulla.
Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882.