Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der Stadt haben.
Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant; das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist, was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ich lege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles. Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn die deklamatorischen Künste müssen sie ihrer Natur nach mehr anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und — Meyerbeer.
Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt. Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte, also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater des jetzigen, Dom Pedro I. zu Pferde dar, wie er mit der Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und mit jener Dosis von Pathos versehen, die ihm bei den Brasilianern den Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco und Madeira.
Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen Jardim publico, wo neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt und last not least in dem berühmten botanischen Garten mit seiner noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mit biscoitos Nr. 3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön — basta! Ich will versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan die Palme als den Alleebaum par excellence anzusehen. Ob es mir gelingen wird?
Deine rebellische Ulla.
Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882.
Liebste Grete!
Ich muß Dir schon wieder schreiben, denn denke Dir, seit vorgestern bin ich hier in einem Collegio engagiert! Ein Collegio ist eine höhere Töchterschule mit Pensionat, und ich habe da also durch vier Klassen die Töchter dieses Landes in die Geheimnisse der deutschen sowie der englischen Sprache einzuführen und außerdem eine Unzahl von Klavierstunden zu erteilen. Ach Grete, die beiden Sprachen, besonders aber das Deutsche, werden meinen Schülerinnen wohl ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleiben; es ist merkwürdig, wie wenig sie bei mir lernen! Ich habe noch nicht herausfinden können, ob es an mir oder an ihnen liegt, vielleicht macht es auch der Racenunterschied zwischen Germanen- und Romanentum, denn Französisch lernen sie halb im Schlaf, und die Französinnen werden auch viel besser mit ihren Klassen fertig. Ich war schon wieder ein paar Mal in Versuchung, den Bormann hervorzuholen, ich habe ihn aber doch schließlich stecken lassen, weil ich weiß, daß ich zu viele Vorwürfe für mich darin finden würde.