In milden Sonnenstralen hingestrecktes,

Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren.

Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht,

Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen

Für die Betrübten, für die Heimatlosen

Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“

Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen: phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll — nur eines gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen sind eng und schlecht gepflastert — ich bin ein Mal in einer Droschke darüber gefahren und nie wieder — die Trottoirs, besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen Norddeutschen nachlässig und die Menschen so — ja, ich weiß nicht wie — ich glaube: undiscipliniert wäre das Wort.

Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen, Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten. Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen, vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer, Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigem rubbish um den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels, ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc. umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube, Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen.

An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel, Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe kommen dem Lande der Baumwolle aus Deutschland und Frankreich, wohin sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind hier wunderbar! — In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h. für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen; Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat. Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse, luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen!

Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten um die Bai gleichen Namens herum, hinten überragt von dem mächtigen Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme, reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote, lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche „A voyage in the Sunbeam“ hat ganz meine Empfindungen ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich, und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd!