Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast. Widersprich mir nicht — Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde.
Es war in der rua dos Ourives, wo ich meine Entdeckung machte. Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir mit einem Schlage die schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner Gemütsart gehegt — allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und zerplatzte an der Wand neben mir — ich wollte mich bücken, um die Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren — „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken hinab.
Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges, zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und suchte einen Ausweg in meinen Kragen.
Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war dies alles ein wüster Traum?!
Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus, an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie anreden, da hebt sie die Hand — ein kleines blankes Flakon glänzt darin — „huist“, „huist“ — und meine beiden Augen waren momentan dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück.
Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter seiner zahnärztlichen Behandlung hatte.
„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer; doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut heraus zu lachen.
„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los, ist denn hier in Rio alles toll geworden!“
Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des Monats Februar — „Fastnacht“ — las ich da und sank, dumpf aufseufzend, auf den nächsten Stuhl.
Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte ich matt.