„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“

„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt.

„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“

Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilf Tage! Mit stummem Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog.

„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor.

„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen „Energie“ — „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an mir selber; reißen Sie — reißen Sie —“ Und so wurde ich um einen Weisheitszahn ärmer.

Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung — „Laranginhas, Laranginhas!“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer nennen diese abscheulichen kleinen Wachsgeschosse Laranginhas d. h. kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man sich in den Pausen mit laranginhas bombardierte, sondern sogar in den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit den bisnagas, die durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelte Stunde garnicht mehr zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe.

Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort, so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage in die rua dos Ourives treibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“. Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter sich, der in einem mächtigen Korbe laranginhas und bisnagas bereit hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets voller laranginhas zum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Moment entsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der beschließende Maskenball.

Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame befreundeten Familie in der rua d’ Ouvidor, und ich kann nicht anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das in einem katholischen Lande! Aber der Brasilianer ist nicht mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die ganze Zeit über nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem Engländer, der sich aus den bisnagas und den laranginhas das gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte, die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich zu verschonen.

Nun — Gute Nacht, mein Gretel — es ist entsetzlich heiß, so daß das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber. Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen es die Neger.