Unverwüstlich Deine Ulla.

Saõ Paulo, den 20. März 1882.

Meine einzige Grete!

Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr. Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wieder tempi passati, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ Paulo wie im Himmel.

Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ Paulo Railway — erster Klasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur der nigger aller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind, Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichst ungemütlichen Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher- oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt man ponchos, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden, so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte.

Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter ihrer Jornals de Commercio, und es dauerte nicht lange, da erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin nicht so zimperlich, aber — für den rauchenden Brasilianer scheint die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großes Spucknapf. Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können. Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken, immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst immer für Blumentöpfe hielt.

Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende, schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt, so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem Lande empfangen habe.

Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor, als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm.