Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (natürlich „Doktor“) mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren, Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit, so daß sie hier schon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit Kolleginnen und andern Menschen verkehren kann.
Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte. Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die Vettern und Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so entsetzlich allein!
Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute, das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie — nein, doch nicht! Ich glaubte, eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so sehr froh!
Deine glückliche Ulla.
Saõ Paulo, den 5. April 1882.
Mein liebes, herziges Gretele!
Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und Philosophentum heraus. Man ist Universitätsstadt! Allerdings darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon darum nicht, weil diese Academia nur eine Facultät besonders pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger Aeskulaps, die „Doktoren“ par excellence.
Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie sprechen für ihr Leben gern, wenn sie auch nichts sagen; mit dem Pathos, das sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung noch auch individuelle Impulse — denn alle reden in dem gleichen traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste. Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir keine Rechenschaft geben.