Saõ Paulo, den 5. Mai 1882.
Mein Herzensgretele!
In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin: Lavinia! Ja, das ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar Römerinnen: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe, einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia kann ich ihm ja auch folgen; — was ihn jedoch veranlaßt haben kann, sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?! Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich aufweisen.
Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da Conceicaõ, Dona Maria da Cruz — und so mit Grazie ad infinitum. Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen: Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten, wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der Mutter, denn die oben genannten sind nur zwei- und dreiteilige Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nie weiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine „Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht.
Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt, ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische Hochmut es eigens erfunden hat, um die estrangeiras (bitte, sprich das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von den Brazileiras zu unterscheiden.
Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die Bedienung Sinha[5], der Herr Sinho, die älteste Tochter stets Sinhasinha, der älteste Sohn Nhonho; letztere beiden Bezeichnungen werden auch unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere. Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho, Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé — für unsre Ohren doch das Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in „Cocotte“ abgekürzt!
Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenannten appelidos, Beinamen oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen, wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er, sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt.
Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto! Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein, daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber — die Illusionen weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze, Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosen Deutsch: Ferkel! Ja, der Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm Sprak, ein plump Sprak —“! Durch all unsre leidigen Consonanten verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar auf oa!
Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällt hier jemandem sein Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter Dir hast.