Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum, das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ Leaõ Bismarckio angab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sich seinen Familiennamen beilegen, so sagen wir: „De gustibus non est disputandum“ — allein, ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten.
Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahre salto mortales, wenn die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem, also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“ Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern Stuhl lehnte ein Cello — blieb nur ich für die „Excellenz“ — Der Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte — da kam ich aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte, versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu machen, es könnte Dir zu Kopf steigen), und „Vossa Excellencia“ klinge doch entschieden schöner als das simple „A Senhora“ — — Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“ zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora ein Glas Wasser?“
Vossé ist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischen vossé und Senhor resp. Senhora steht Vosse mercé, was Du im Ollendorf mit „Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum als das einfache Senhor ist Vossa Senhoria, und da erzählte mir neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat, eine nette kleine Steigerungsgeschichte.
Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vom Lande (man nennt die Leute Caïpira) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfach vossé angeredet. Als aber der Mann seinerseits ihn vosse mercé titulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser guter Caïpira zu Senhor und dann zu Vossa Senhoria über, wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine Stufe höher rutschte und sich zu Vossa Excellencia verstieg, sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einander Vossa Majestade anreden!“
Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal herüber, Grete — hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind. Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der Sohn vielleicht ein Bummler — da wird nichts dergleichen vererbt. Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem Ortsnamen verbunden. Die meisten dieser Ortsnamen sind der alten einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte, wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc. Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen Titelfabrikanten abgeschreckt hat.
Und dennoch, liebe Grete — mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief:
Illustrissima Excellentissima
Senhora Dona Ulla von Eck.
Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für gar zu simpel. Womit ich verbleibe