D. O.
[5] nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem französischen gn.
[6] Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883
Saõ Paulo, den 29. Mai 1882.
Meine liebe gute Grete!
Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat. Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus Gracchus — sein Vater nennt ihn immer pomphaft „Gracho“ — als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein — Du kannst Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen!
Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun, vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“. Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut, und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so schlecht versorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländer dressy nennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank, oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann die Brasilianer mit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das Klima begünstigten Eigenschaften.
Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt, was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen, bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt. Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nur Läden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen, es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die Kesselflicker bei uns die Töpfe.