Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz, und vor allem wird man selten einen brasilianischen Handwerker finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche, Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann, der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des Kaffees, erschwert wird. Was der Handwerker arbeitet, hat aber stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser Richtung hin hier immer zu etwas.

Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen.

Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“ zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung!

Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an ihn zu lesen, da habe ich es gesehen.

Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer... da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so viel erzählt hat

Deine Ulla.

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882.

Mein Herzensgretele!