Saõ Francisco, den 20. Juni 1881.

Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“, auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen, denn dies copo d’agua umfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein Nachtquartier.

Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten.

Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigen salla de visita beisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei man bei einem Gesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der Sophatisch steht in der Mitte des Saales.

Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei ich als die neue „professora“ eingeführt wurde, und fragten einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen.

Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „Vamus jantar“ d. h. gehen wir essen.

Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen geschnittene Exemplare des Rioer „Jornal de Commercio“ schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab.

Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine Schüssel herumgereicht, sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert. Jeder stellt sich dann seine Gänge ad libitum zusammen. So begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen, dem geliebten feijaõ der Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit fehlt, zu wirtschaften: „A Senhora quer feijaõ?“ „Um poco de feijaõ, Senhor Doutor?“ — ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß. „Um poco de vinho, mademoiselle?“ fragte der biedre Vater, der nie eine andre Sprache gelernt als die „lingua dos brancos“, wie das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen der eingeführten Negersklaven genannt wird. „Vous offrirai-je des pommes de terre?“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“ zurück war (natürlich war er auch doutor), und so setzte ich mir denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn, Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl zusammen. Ein warmes Mittagessen wirst Du aber bei Brasilianern schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „S’il vous plaît“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel, um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl zusammensetzst, sintemalen jedes neue s’il vous plaît Deinen Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde.