Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete, die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen schien.
Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig, seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des Essens und — dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf dem Lande durch sogenannte biscoitos ersetzt, ein Gebäck aus dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem Erfolg eine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding, dem angú, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen die saucenreichen Bohnen rühren — und wie lange wird es noch dauern, da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt.
Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr.
Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „doces“, und der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten, Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse.
Daß ich’s nur gestehe — ich auch!
Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas Butter und Brot zum Käse. Es erschienen biscoitos im Stadium Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit, Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran.
So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand, so fanden mich meine neuen Bekannten „muito sympathica“ und beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas vorzuspielen oder zu singen.
Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden.
Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia, die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt.... Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen mit dem besten Willen nicht interessant und geistreich finden kann! Aber es war nicht anders — mir sprach nichts aus den flinken abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe standen, und doch war es wahr: sie spielte perfeitamente! Ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke. Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem „perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins.